Ein Tisch für drei, morgen um halb acht? Nee, sagt die Frau am Telefon. Um acht gehe was, aber nur für zwei, "der Tisch gleich an der Tür". Dies ist kein neues Szenelokal von Tim Mälzer, sondern der Windfang, eine eingesessene Eilbeker Gaststätte von anno dazumal. Ein Blickfang ist der Windfang nicht. Man findet ihn ganz hinten in der Geschäftszeile eines Hochhauses an der Wandsbeker Chaussee. Die Einrichtung versetzt einen zurück in die Ära der Skatrunden und Frühschoppen: mit Eiche rustikal, Gardinen im Fenster und einer Deko, die von der Kuckucksuhr bis zum Wagenrad wirklich nichts ausspart. Doch es stinkt nicht nach Rauch, kein Sportkanal läuft, alles wirkt gepflegt.

So voll die Gaststube auch ist, Fremde fallen auf. Ein Stammgast am Tresen macht den Einweiser und nickt in Richtung des reservierten Tisches; es ist doch nicht der an der Tür. Mit der gleichen Lässigkeit erhebt sich die Kellnerin vom Tisch daneben, an dem sie bis eben mit einem anderen Stammgast schnackte. Alles nicht so ganz nach Lehrbuch, aber der Rhythmus stimmt.

Die Küche ist fleischlastig bürgerlich und auf den ersten Blick so spannend wie der Mittagstisch beim Metzger. Nur die Tageskarte verrät, dass man sich hier nicht mit Routine begnügt. Die Kellnerin, eine große Frau in reiferen Jahren, bringt erst einmal Brot. Trotz ihres Oversize-Elch-T-Shirts geht Autorität von ihr aus. Priesterlich teilt sie die Schnitten zu ("Jeder eine!"). Dass die Tischkerze dabei ihren Arm ansengt, bringt sie nicht aus der Ruhe ("Hab ich nix von gemerkt!").

Gibt’s Weißwein? "Klar, bringe ich Ihnen." Wenig später knabbert man zufrieden am ausgezeichneten hausgebackenen Brot und trinkt dazu einen respektablen Grauburgunder. Da hätte es, erweist sich später, sogar Auswahl gegeben. "Aber der andere Wein wäre süß gewesen, und so schätze ich Sie nicht ein." Wäre das doch immer so einfach!

Wann das Essen kommt, hört man am Zischen aus der Küche. Die Pfanne ist hier das Werkzeug der Wahl. In so einem Lokal probiert man natürlich die Bratkartoffeln. Die sind suchtbildend gut, genau tariert zwischen kross und saftig, mit nur einem Hauch Speck. Sie begleiten eine hausgemachte Kaisersülze – "ganz mager!" stand auf der Karte.

Am bestens parierten Schweinefleisch ist nichts zu meckern. Der sehr feste Gelee zeigt Charakter. Obstessig, würde man raten, mit einer Menge Zucker. Der Chef Wolfgang Steinfurt ist gelernter Konditor; das Diplom hängt an der Wand. Aber das spürt man ansonsten nicht an der Süße, sondern an einer eindrucksvollen Kontrolliertheit beim Gewichten und Garen der Produkte. Die Gemüse in der feinen Hühnersuppe – weich, aber nicht zerkocht. Das Rehgulasch – zarte, saftige Stücke in einer samtigen Sauce. Fett mag anderswo als wichtigster Geschmacksträger herhalten. Wolfgang Steinfurt hat die bodenständige Küche von jeder Derbheit befreit.

Beim Abräumen wird die Kellnerin unverhofft philosophisch: "Essen müssen ist was Lästiges." Hier nicht.

Windfang, Wandsbeker Chaussee 33, Eilbek. Tel. 25 98 60. Geöffnet montags bis freitags von 17 bis 24 Uhr. Hauptgerichte um 12 €