Ich mache Urlaub. Dort, wo ich aufgewachsen bin. Heimaturlaub. So nennt das die Kollegin. Sie ruft: "Freunde treffen! Sich von Mama verwöhnen lassen!" Die Kollegin strahlt. Sie mag Heimaturlaub. "Und deine Ecke ist auch noch schön."

Die Ecke ist wirklich schön. Ein Städtchen, mit Straßen aus Kopfsteinpflaster, Gaststätten mit Fachwerk. Als ich noch ein Kind war, war diese Ecke meine Welt. Ich lernte sie an der Hand meiner Mutter kennen. Ich lernte, dass meine Mutter nicht dazugehört. Niemand sah ihr das an. Jeder hörte ihr das an. Jeder, außer mir, der mit diesem Akzent aufgewachsen war. Ich hörte es von der Bibliothekarin, die fragte, ob meine Mutter jemanden habe, der mir vorlesen könne. Von dem Arzt, der meine Mutter fragte, ob sie Putzfrau sei. Anfangs erklärte meine Mutter, woher sie kam. Später machte sie Witze. Noch später sagte sie nichts mehr.

Vor ein paar Wochen schlenderte ich mit dem Menschen, der mir viel bedeutet, über Straßen aus Kopfsteinpflaster, vorbei an Gaststätten mit Fachwerk und an Menschen, die ihre Ecke für eine eigene Welt hielten. Man hörte es an ihren Sprechchören, las es auf ihren Plakaten und sah es an ihren Kreuzen und Fahnen und Fackeln. Ich wollte ihnen sagen, dass ich nicht dazugehöre, doch die Hand, die mich hielt, zog mich fort.

In meinem Urlaub lief ich der Bibliothekarin über den Weg. Sie sagte, aus mir sei was geworden.

Meine Heimat ist keine Ecke. Meine Heimat ist eine Hand.