Der Irrsinn, hat Nietzsche gesagt, sei bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien und Völkern die Regel. Die zweite Hälfte des Satzes trifft zweifellos zu, doch die erste Hälfte scheint allzu optimistisch. Ist es nicht so, dass sich bei Parteivorsitzenden, Präsidentschaftsbewerbern, Regierungschefs Anzeichen des Irrsinns allerorten häufen? Und zwar nicht nur in Bananenrepubliken, wo fette Potentaten sich mästen, nicht nur unter den von der ewigen Sonne um den Verstand gebrachten Wüstenvölkern, wo die Menschen allein schon deshalb nicht alle Tassen im Schrank haben, weil sie weder Schrank noch Tassen besitzen, sondern auch in den angeblich zivilisierten Ländern, wo gebildete, gut situierte Bürger am liebsten das Standrecht eingeführt sähen und der harmlose Nachbar, der eben noch über den Gartenzaun hinweg freundlich gegrüßt hat, im Keller Waffen sammelt, um Weib und Töchter gegen nordafrikanische Vergewaltiger verteidigen zu können. Es scheint so zu sein, dass Irrsinn infektiös ist, und dass die Medien, indem sie von ihm berichten, zu seiner Verbreitung beitragen. Die Nachricht, ein Geisteskranker habe eine zufällige Frau mit tödlicher Folge vor die einfahrende U-Bahn gestoßen, führt, sobald sie allgemein verbreitet ist, mit großer Sicherheit dazu, dass ein anderer Verrückter sich animiert sieht, die Untat zu wiederholen.

Man kann derzeit das Gefühl haben, dass der Irrsinn nicht allein in Parteien und Völkern grassiere, sondern eben auch unter zahllosen durchschnittlichen Einzelnen, und man fühlt sich an die Antipsychiatrie-Bewegung erinnert. In den siebziger Jahren herrschte unter linken Intellektuellen und Ärzten die Überzeugung, Geisteskrankheit sei ein soziales Stigma, und die Kasernierung von Kranken verschlimmere nur das Problem. 1978 wurde in Italien die Auflösung der geschlossenen Anstalten beschlossen. Das Ergebnis war mindestens ambivalent, auch deshalb, weil die Freigelassenen oftmals alleingelassen wurden. Die Zunahme des gewissermaßen gesellschaftsfähigen Irrsinns legt den Verdacht nahe, es seien vielerorts Anstalten heimlich geöffnet und die Insassen unversorgt ins Freie geschickt worden. Wir dürfen den Begriff "Anstalt" durchaus metaphorisch verstehen. Jede Gesellschaft regelt das individuelle Verhalten mit Mitteln der Erziehung, der Belohnung und Strafe, verfährt also anstaltsmäßig, und wenn dieses System der Zwänge und Selbstzwänge erodiert, dann springt das Rumpelstilzchen, das in vielen Menschen hockt, begeistert heraus.

FINIS