Das Gehirn eines ausgewachsenen Menschen wiegt durchschnittlich 1.300 Gramm, wir brauchen es zum Denken, zum Fühlen, zum Atmen, zum Leben. Das Gehirn bestimmt unsere Intelligenz, unser Verhalten, unsere Persönlichkeit. Es ist das komplizierteste Organ des menschlichen Körpers. Alle Versuche, ein Gehirn nachzubauen, sind bisher gescheitert.

Wenn die Köpfe zweier Footballer aufeinanderprallen, wirken ähnliche Kräfte, wie wenn ein Auto mit einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern in eine Mauer aus Stein fährt. Das Gehirn eines Footballers erleidet solche Zusammenstöße 1.000 bis 1.500 Mal im Jahr.

Für Ed Dickson gibt es wichtigere Dinge als das Gehirn. "Erstens: Gott. Zweitens: Football. Drittens: Familie. Unbedingt in dieser Reihenfolge", sagt er. Er steht in einer Umkleidekabine, setzt seinen Helm auf und schließt die Augen, gleich geht es los. Heute wird er alles gewinnen oder alles verlieren. Später wird er erzählen, dass sein Herz in diesen Minuten pumpt und sein Magen drückt, dass er sich beklemmt fühlt, fast panisch. Er bittet Gott, ihm zu helfen. Er sagt: "Heute ist Krieg, wie jeden Sonntag."

Von draußen hallt eine Mikrofonstimme in die Kabine, Trommelwirbel, Menschen kreischen und pfeifen und brüllen und applaudieren, Ed Dickson und die anderen laufen durch Feuerfontänen und Nebelwolken ins Stadion. 75.000 Zuschauer erheben sich und legen ihre Hand auf die Brust, sie singen die Nationalhymne, die vom Sieg Amerikas erzählt.

Es ist ein Januarsonntag in Charlotte, North Carolina, drei Grad Celsius, Schneeregen. Heute ist Divisional Playoff, eine Art Viertelfinale des Super Bowl. Im Bank of America Stadium treten die Carolina Panthers gegen die Seattle Seahawks an. Es ist eine der größten Sportveranstaltungen, die je in dieser Stadt ausgetragen wurden. Gewinnen die Panthers, sind sie weiter, verlieren sie, sind sie raus. Wie Ed Dickson sagt: "Life or death."

Überleben die Panthers, könnten sie am 7. Februar im 50. Super Bowl spielen. Ein Spektakel, das dem Finale einer Fußball-WM ähnelt. In den USA werden mehr als 110 Millionen Zuschauer einschalten, die Übertragung des Super Bowl ist seit Jahrzehnten das meistgesehene Fernseh-Ereignis Amerikas. Die Wasserwerke werden in der Halbzeitpause wieder an die Grenze ihrer Belastbarkeit geraten, wenn die Zuschauer ihre Toiletten spülen. Für einen 30-Sekunden-Spot zahlen Werbekunden fünf Millionen Dollar. Die günstigsten Eintrittskarten werden für 3.100 Dollar angeboten, eine VIP-Suite für 20 Personen kostet bis zu 465.000 Dollar. Coldplay und Beyoncé werden auftreten. Super Bowl Sunday, sagen die Amerikaner, ist ein zweiter Nationalfeiertag.

Ed Dickson würde mit einem Sieg im Super Bowl alles erreichen, was ein Footballer erreichen kann, es wäre sein Eintrag ins Geschichtsbuch.

Kick-off. Die Seahawks treten den Ball an, ein Panthers-Spieler fängt ihn und rennt, bis er von einem Gegner zu Boden geschleudert wird. Auch Ed Dickson steht auf dem Feld, er trägt die Rückennummer 84 und hat eine Statur, wie man sie von einem Footballer erwartet: 1,95 Meter und 116 Kilogramm. Seine Position heißt Tight End, und seine Aufgabe ist es, gegnerische Spieler zu blockieren und zu "tackeln", also umzuhauen. Nie darf er die Gegner an den Ball lassen oder an den wichtigsten Spieler seiner Mannschaft, den Quarterback. Ed Dicksons Team, die Panthers, kämpfen sich jetzt mit Pässen und Läufen in die gegnerische Spielhälfte vor. Ed Dickson steht an der Front, und wie ein Bulldozer rammt er jeden, der im Weg steht. Manchmal scheppert er mit seinem Helm gegen den Helm eines Gegners, "Glockenläuten" nennen die Footballer so einen Zusammenprall. Das Publikum grölt.

So stellt man sich die Stimmung im alten Rom vor, wenn die Gladiatoren im Kolosseum kämpften. Heute wie damals sind die Zuschauer nach sozialem Rang getrennt: unten, nah am Geschehen, die Plätze für die Reicheren, oben, weiter entfernt, die für die Ärmeren. Heute wie damals verfolgen die Menschenmassen gebannt ein Spiel, das von Gewalt lebt. Nur sterben die Gladiatoren heute, fast 2.000 Jahre später, keinen schnellen, blutigen Tod wie damals. Die modernen Gladiatoren sterben einen langsamen Tod, der für den Zuschauer unsichtbar ist.

Football ist Amerikas liebster Zeitvertreib, man kann ihm kaum aus dem Weg gehen. Die Spiele laufen in Bars, Cafés und Clubs, Familien schauen sie zu Hause auf der Couch oder gehen gemeinsam ins Stadion. Eher würde ein Amerikaner seine Religion wechseln als seinen Footballverein. Die National Football League (NFL) hat diese Tradition zu einem Geschäft gemacht, das in der Saison 2014/2015 zwölf Milliarden Dollar umgesetzt hat.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Debatten um den Sport, geführt von Politikern, Journalisten und Sportverbänden: Ist Football zu brutal? Zu kriegslüstern? Wird zu viel gedopt? All diese Zweifel hat der Sport überlebt. Aber jetzt erschüttert ein Streit die Football-Welt, der tiefer geht. Er stellt das Selbstverständnis des Spiels infrage. Es geht um die Gesundheit der Spieler. Um das, was man als Zuschauer nicht sehen kann: dass die Gehirne der Footballer so stark verletzt werden, immer und immer wieder, dass die Spieler eines Tages dement oder depressiv werden können. Dass sie sterben können.

Die Debatte ist auch eine über klassische amerikanische Werte: Darf man Männlichkeit, hartes Anpacken und ehrliches Draufloskämpfen im Jahr 2016 noch auf diese Weise zelebrieren? So brutal? Verherrlicht dieser Sport die Lust an der Gewalt?