Antonia Sautters Geschäft ist eine Traumwelt aus Pomp und Pailletten. Eine Welt, in die alle anderen Welten hineinpassen, auch solche, die es nie wirklich gab: Tausendundeine Nacht, Französische Revolution, Elisabethanisches Zeitalter. Antonia Sautters Geschäft ist eine Party. Eine, die das Magazin Vanity Fair als "one of the most exclusive in the world" bezeichnet. Und ein amerikanischer Fernsehsender urteilte: Der Ball gehöre zu den hundert Dingen, die man in seinem Leben erlebt haben muss. Wenn man es sich leisten kann, muss dazugesagt werden, denn der Ball ist der teuerste, den Venedig während der Karnevalszeit zu bieten hat. Am kommenden Samstag ist es wieder so weit, dann richtet Sautter den 23. "Ballo del Doge" aus.

Von Traumwelten spricht die Unternehmerin an diesem Tag erst einmal nicht, denn da ist eine Bewertung auf der Onlineplattform TripAdvisor. "Ein Albtraum", sagt Sautter und sieht dabei wirklich unglücklich aus. Im Internet steht, dass der Ball total enttäuschend gewesen sei, die Preise "shocking", das Essen "tasteless". Die Kritik enthält sechs Punkte, a) bis f), zusammengefasst lässt sich lesen: Il Ballo del Doge lohne sich nicht.

Über Venedig liegt an diesem Wintermorgen kein Nebel, hängen nicht mal Wolken, da ist einfach nur Sonne. Die Wellen glitzern, die Gondolieri rudern, Touristen fotografieren. Venedig ist mehr Kulisse als Stadt, doch wer hinter die Fassaden blickt, wer in der Innenstadt hinter einer der hölzernen Flügeltüren verschwindet und sich mit einer Unternehmerin wie Antonia Sautter unterhält, der merkt schnell, dass zwischen all den Fassaden und dem Wasser und den Gondolieri um jeden zahlenden Touristen gekämpft wird. Der Karneval ist ein knallhartes Business.

"Venedigland" sagen manche, wenn sie den venezianischen Karneval meinen

Wegen der schlechten Bewertung hat Antonia Sautter nicht gut geschlafen, "es ist das erste Mal in 22 Jahren, dass ich so kritisiert werde". Make-up überdeckt die Augenringe, wenn es denn welche gibt. Seit dem frühen Morgen telefoniert sie, läuft in ihrem Büro im Stadtteil San Marco umher oder durch eine der engen Gassen dort, sie sagt "baci, ciao" und "pronto", sie spricht mit alten Kunden, die gegen die schlechte Bewertung anschreiben sollen, und mit neuen, denen sie das nächste Firmenevent organisiert. Kaum hat sie aufgelegt, klingelt es schon wieder, dann ertönt Leierkastenmusik aus ihrem Handy.

Sautter kommt aus Venedig, der Vater stammte aus Bayern, daher der deutsch klingende Name. Deutsch gelernt hat Sautter aber nie. Die 58-Jährige ist ganz in Schwarz gekleidet: Pulli, Stretchhose, Stiefel ohne Absätze, die bis über die Knie gehen. Eine Mischung aus elegant und praktisch. Ihren Händen sieht man an, dass sie 365 Tage im Jahr Kohlestifte und Scheren führen, mit Nadeln Stoffe abstecken, auf Touchscreens herumtippen: kräftige Finger, kurze Nägel, keine Maniküre.