Von Topmodels streiten lernen

Heidi Klum ist fies. Heidi Klum wirkt aufgesetzt. Heidi Klum ist arrogant. Heidi Klum lacht wie eine Blöde und sagt Sätze, bei denen man denkt, sie müsste nach jedem einzelnen vor Lachen über sich selbst zusammenbrechen. Tut sie aber nicht. Sie macht weiter. Und ich gucke ihr dabei zu.

Diese Woche läuft die elfte Staffel von Germany’s Next Topmodel an. Die ersten drei Staffeln habe ich nicht gesehen. Ich bin bei der vierten eingestiegen. Und habe seitdem keine einzige verpasst.

Natürlich habe ich über die Jahre viele intelligente Artikel in intelligenten Zeitungen gelesen, die Germany’s Next Topmodel auf intelligente Weise verdammen. Die ganze Sendung sei sexistisch. Heidi Klum sei eine Scharfrichterin. Außerdem seien die Verträge, die Papa Klum den Siegern gibt, Knebelverträge. Ich kann das alles nachvollziehen, ich arbeite ja selbst bei einer intelligenten Zeitung. Ich blende das aber meistens aus, weil mir die Sendung etwas gibt: Ich lerne von den Mädchen, die Models werden wollen, wie man Streit aushält und nicht zusammenbricht, wenn man niedergemacht wird.

Mir fällt es schwer zu streiten. Ich gehe lieber Kompromisse ein, als Forderungen hart durchzufechten. Bei den meisten Kandidatinnen ist das anders. Das macht sie nicht sympathisch. Aber irgendwo tief in mir habe ich Respekt davor, wie sie Konflikten mit den anderen Mädels nicht ausweichen, selbst wenn es nur um einen Lidschatten in Blau geht. Und wie sie von sich überzeugt bleiben, wenn Heidi Klum sagt, sie hätten sauschlecht performt.

Ich denke dann: So hart drauf wäre ich manchmal auch gern – bei Dingen, die wirklich wichtig sind.

Nach Freiheit Ausschau halten

Als ich klein war, hatte ich eine Kassette mit der Geschichte vom Räuber Hotzenplotz. Irgendwann wurde mir der Räuber zu kindisch, und ich überspielte ihn mit meinen Lieblingsliedern. Das erste Lied auf der Kassette: Looking for Freedom von David Hasselhoff. Wie oft habe ich im Kinderzimmer gestanden, die Kassette bis an den Anfang zurückgespult, mich aufs Bett gelegt und mitgesungen. Diese Kraft! Diese Wucht! Weil ich kein Wort Englisch konnte, klang der Refrain bei mir allerdings so: Haaapaa lukki für Friiiiiedeeeeem.

Mein Englisch wurde besser, aber dem Lied hielt ich die Treue. Ich hörte es mit meinen Jungs in der Oberstufe, wenn wir gemeinsam feierten. In Kanada, wo ich ein Jahr studierte, hatte ich einen Freund aus Honduras. "He has so much power", sagte er über David Hasselhoff. Und ich: "Exactly!" Wenn einer meiner alten Kumpels heiratet, läuft dieses Lied, garantiert. Wir rasten dann völlig aus und springen durch den Saal wie früher durch die Kinder-Disco. Natürlich wissen wir mittlerweile: Looking for Freedom ist keine gute Musik. Aber uns ist das verdammt noch mal egal. Es bleibt unser Lied!

Eishockey hören

Abend. Endlich Zeit. Für eines der Bücher, die ich immer schon lesen wollte, von Joachim Meyerhoff zum Beispiel. Oder für eine Doku auf Arte. Neulich hat mir eine Freundin erzählt, sie schaue immer Dokus, wenn sie krank sei, nicht einschlafen könne, Zeit habe zum Runterkommen. Über Meere, die überfischt sind, über Kinder mit Krebs. Bewegende Geschichten.

Was mache ich?

Ich höre Eishockey. Richtig, ich gucke es nicht einmal. Mein Verein sind die Canadiens de Montréal. Zeitverschiebung: sechs Stunden. Die Spiele fangen meist um ein Uhr nachts deutscher Zeit an und dauern dann bis vier. Das schaffe ich nicht, wenn ich am nächsten Tag arbeite. Also höre ich im Internet nach, was die Experten zu den vorigen Spielen zu sagen hatten. Welchen Spieler sie auf welche Position stellen würden. Wer verpflichtet werden muss. Warum die Taktik aufging, den Raum in der Mitte des Eises zu öffnen, um schnell über die Bande in das Drittel des Gegners zu kommen.

Seit Anfang Dezember verlieren die Canadiens fast nur noch. Es ist deprimierend, Eishockey-Kommentatoren wie Danny Dubé oder Mario Tremblay zuzuhören. Ich mache es trotzdem. Es ist für mich wie Meditation: Ich tauche ab in eine Welt, die all meinen Freunden verschlossen bleibt. In eine Welt, die ich ganz für mich habe.

Kilian Trotier mag auch weiße Turnschuhe, "Schnee" von Orhan Pamuk und den Apfelkuchen seiner Oma