Woher kann Cerim so gut Deutsch? Cerim kellnert im Restaurant Pod Lipom in der Straße Prote Bakovica. Fehlerfrei erklärt er die Menükarte. Das Pod Lipom in der Altstadt von Sarajevo ist bekannt. Mit seinen groben Holzbänken vor dem Haus sieht es auf den ersten Blick aus wie die vielen Touristenfallen in der Umgebung. Aber seine traditionell bosnische Küche bekommt auf Tripadvisor und bei Google gute Noten. US-Präsident Bill Clinton saß schon mehrmals unter dem Riffelglasdach des Restaurants. In den Gängen liegt roter Teppich. Cerims Schwager lebt in Hamburg. Jedes Jahr fährt die Familie ihn besuchen. Das und das Restaurant waren sein Deutschunterricht. Cerims Frau hat einen Job im Medizinbereich, mehr will er nicht sagen. "Wir arbeiten für die beiden Kinder", berichtet er. Sie gehen noch zur Schule, "werden für die Arbeitslosigkeit ausgebildet", sagt Cerim leise und enttäuscht. Um die Ecke, an der Hauptstraße, liegt der in die Breite gezogene Bau der alten serbisch-orthodoxen Kirche aus dem 16. Jahrhundert. Heute ist sie ein Museum und gehört zum Erbe einer Nation, die es nicht gibt. Der Erzengel Michael über dem Portal schaut ernst.

In Bosnien-Herzegowina ist vor 20 Jahren ein Krieg zu Ende gegangen, zwischen orthodoxen Serben, katholischen Kroaten und muslimischen Bosniern. Er kostete 100.000 Menschenleben, und er ging zu Ende, so erzählt man sich, nachdem Clinton der Kragen platzte, weil die Europäische Union nichts unternahm und bloß diskutierte. Der Frieden, ausgehandelt auf der Wright Patterson Air Force Base in Dayton im US-Bundesstaat Ohio, hat gehalten. Die Altstadt von Sarajevo, ein Touristenmagnet, ist wieder aufgebaut, das Zentrum auch. Am 15. Februar wird das Land den Beitritt zur Europäischen Union beantragen.

Aber der Krieg und seine Folgen haben das Land religiös und ethnisch zerrissen. Im Osten und Westen haben sich Serben gesammelt. Ihre "Republika Srpska" strebt nach Abtrennung von der bosniakisch-kroatischen Föderation, die den Rest des Landes ausmacht. Serbenpräsident Milorad Dodik nennt Bosnien einen Teufelsstaat. Der 1. März, an dem Bosnien 1992 seine Unabhängigkeit vom zerfallenden Jugoslawien beschloss, wird in der Srpska nicht gefeiert.

Und viele Menschen gehen. Jeden Monat stellen knapp 700 Bosnier einen Asylantrag in Deutschland. Kaum jemand wird anerkannt. Bosnien ist als sicherer Herkunftsstaat eingestuft.

"Wir haben wenig Hoffnung", sagt Cerim, als er die Zuckerdose bringt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 50 Prozent, die Löhne sind karg. Jeder klagt über korrupte Politiker und Verwaltungen, die nichts tun. Und Religion ist immer im Spiel. Zeitungen berichten, dass Islamisten das Land als Basis für den Dschihad gegen Europa nutzen wollen.

Wenige Straßen weiter in Richtung Zentrum residiert Boris Kozemjakin. Er ist der Vorsitzende des Interreligösen Rates und kann auch dann noch lächeln, wenn er Vorwürfe erhebt. "Unsere Politiker haben kein gemeinsames Nationalbewusstsein", sagt er mit seinem jovialen Bass. "Sie wollen hier und in der Srpska ihre eigene Politik etablieren." Der Rat ist die einzige Verbindung zwischen Muslimen, Orthodoxen, Katholiken und Juden. Kozemjakin ist Präsident der Jüdischen Gemeinschaft von Sarajevo. 700 Juden sollen noch im Land leben. Viele Jüngere wandern nach Israel aus, das Judentum kämpft nach 500 Jahren um seine Existenz im Land.

Anders als Muslime, Orthodoxe und Katholiken kennen Juden keine Verbindung mit einer Region, "deshalb lieben wir das gemeinsame Land von allen am meisten", sagt Kozemjakin. Er hat vorgeschlagen, dass die Religionsvertreter gemeinsam Orte von Kriegsverbrechen besuchen. Zum Beispiel Srebrenica. In der UN-Schutzzone haben serbische Soldaten kurz vor Kriegsende 8.000 Muslime umgebracht, der erste Völkermord nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch die Oberhäupter von Muslimen, Orthodoxen und Katholiken lehnen das ab, berichtet Kozemjakin. "Sie sind zu schwach, um Verbrechen der eigenen Gruppe einzugestehen, genau wie die Politiker." Die Untaten bleiben ungesühnt. "Aber wenn wir zusammenkommen, verstehen wir uns", sagt er mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme. "Wir brauchen eine Erinnerungskultur, und wir brauchen auch Vergebung." Aber das, fürchtet er, "das erlebe ich nicht mehr". Kozemjakin ist 67.