Mal vorsichtig gefragt: Picasso – gibt’s da etwas Neues? Etwas noch nie Gesehenes, Beschriebenes, Analysiertes? Etwas, was nicht auf Postern oder T-Shirts bereits millionenfach abgenutzt worden ist?

Dass der 1881 geborene Pablo Picasso zur Avantgarde zählte, ist immerhin gut einhundert Jahre her. Dass er zum Lieblingskünstler des 20. Jahrhunderts avancierte, durfte er selbst noch erleben (er starb 1973). Danach aber hatte die Welt irgendwie auch mal genug von dem sinnlichen Spanier. Auf Interesse stießen allenfalls noch Biografien seiner zahlreichen Geliebten und Ehefrauen.

Trotzdem wird jetzt im Bucerius Kunst Forum gerade Großformatiges aus Barcelona, Paris, New York und London ausgepackt – und einer der starken Männer der Kunsttransportfirma murmelt: "Das ist der Hammer." 40 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken aus allen Schaffensperioden – "der Hammer"? Stimmt! Was die einzelnen Millionenobjekte betrifft (deren Versicherungswert man nicht einmal schätzen möchte) und auch was das Konzept der Ausstellung angeht.

Picasso. Fenster zur Welt. Der Titel klingt nach einem Spezialaspekt aus dem Riesenwerk des Malers, Bildhauers, Grafikers und Zeichners. Wer aber durch die beiden Räume des Bucerius Kunst Forums schlendert und dem Aufbau folgt, merkt schnell, dass es um mehr als ein beliebiges Sujet geht. "Das Fenster steht bei Picasso für das Sehen", sagt die Kuratorin Ortrud Westheider. "Es steht stellvertretend für den Künstler und ersetzt das Selbstbildnis." Damit gehe es auch um das Ich und die anderen und ebenso um die Spannung zwischen innen und außen.

Das Fenster als Motiv beschäftigte den unruhigen Jahrhundertmaler besonders dann, wenn er sich von einem Stil verabschiedet hatte und eine neue Richtung einschlug. So etwa um 1919, als er den Kubismus hinter sich ließ.

Zu sehen ist aber auch ganz Picasso-Untypisches. Etwa das Interieur von 1900. Gerade 19 Jahre alt, lebte der Maler noch in Spanien und versuchte sich abzugrenzen vom Akademiestil seines Künstlervaters. Ist es der Blick aus dem Fenster? Nein, erkennbar ist die Rückwand eines Gemäldes, abgestellt auf einem Tisch vor dem Fenster. Westheider nennt es ein Schlüsselwerk. Typisch dann schon das Bild des Sohnes, Paulo als Pierrot, vor einem angeschnittenen Fenster oder auch das wunderschöne Porträt der Lebensgefährtin Marie-Thérèse Walter. Die geometrischen Formen – Stuhl und grüner Fensterrahmen – kontrastieren mit der als eine einzige organische Linie dargestellten Figur der Frau am Fenster sitzend. Auffallend großformatig: Das Atelier von 1955. Hier spielt das Jugendstilfenster von Picassos Villa La Californie sogar die Hauptrolle, mit Palettenstuhl, Staffelei und Gipsbüste in den Nebenrollen.

Nicht nur für Picasso-Anbeter eine aufschlussreiche Ergänzung sind die Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Fotografen wie Brassaï, Herbert List oder David Douglas Duncan ließ der medienaffine Picasso an seinem Leben in Paris und in Südfrankreich teilhaben, und so glaubt man beinahe, die Stimmung seiner Ateliers nachzuerleben.

Ortrud Westheider hat zum Ende ihrer Zeit als Leiterin des Bucerius Kunst Forums noch mal Anlauf genommen – und eine hochkarätige Ausstellung geschaffen. Es ist ihr Abschiedsgeschenk. Im April geht es nach Potsdam, wo sie das Museum Barberini aufbauen wird.

"Picasso. Fenster zur Welt", Bucerius Kunst Forum, bis 16. Mai. www.buceriuskunstforum.de