Tagtäglich wird die Lage dramatischer. Die Flut wächst unaufhaltsam, ein Ende scheint nicht in Sicht. Doch noch ignoriert die Berliner Politik mit der Kanzlerin an der Spitze diese Krise, die längst den Kern der Kulturnation erfasst hat. Dabei gab es bereits im vergangenen Jahr enorme Seitenmassen, die von den deutschen Kritikern jedoch bewundernswert zügig bewältigt wurden. 798 Seiten Feridun Zaimoglu (Siebentürmeviertel), 1.019 Seiten Clemens Setz (Die Stunde zwischen Frau und Gitarre), das war zwar extrem, aber diese dicken Neuankömmlinge konnten noch begeistert begrüßt werden. Einer von ihnen bekam im Herbst 2015 sogar trotz seines Titels den Deutschen Buchpreis, 817 Seiten Frank Witzel (Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969). Das war ein echtes Stück Willkommenskultur, zumal die Seiten so eng bedruckt waren, dass es real 1.200 gewesen wären.

Skeptiker warnten schon damals, dass die Grenzen der Belastbarkeit erreicht seien. Aber dank einer gigantischen Organisationsleistung ging es im Herbst noch mal gut. Und hatte nicht Amerika immer schon vorgemacht, wie man mit neuankommenden Wälzern buchwürdig umging, mit DeLillo, Pynchon, Franzen? Dort hatte die Integration erfolgreich funktioniert. Kenner der deutschen Szene verweisen allerdings auf die Unvergleichbarkeit beider Situationen. Denn einen gleichzeitigen Ansturm der Dicken wie momentan hat Deutschland noch nicht erlebt. Von diesem legendären Leseland scheinen sich die Neuankömmlinge wahre Wunder zu erhoffen.

Nach einer jahreszeitbedingten Atempause im Januar überschwemmen uns also in den kommenden Frühjahrswochen die Massen, steigen die Seitenzahlen wöchentlich, verführt und getrieben von verantwortungslosen Agenten, Lektoren und Verlegern, die immer mehr in das deutsche Leseland schleusen: 640 Seiten Juli Zeh (Unterleuten), 718 Seiten Nis-Momme Stockmann (Der Fuchs), 752 wenigstens locker gesetzte Seiten Thomas Glavinic (Der Jonas-Komplex), schließlich 1.002 Seiten Guntram Vesper (Frohburg). Können wir das wirklich schaffen? Zumal im Sachbuchbereich alle Grenzen gefallen sind (1661 Seiten Wolfgang Reinhard, Die Unterwerfung der Welt!) und internationale Literatur ebenfalls heranrollt (750 Seiten Ilitschewski, Der Perser, 600 Seiten Carrère, Das Reich Gottes).

Längst ist unter Literaturkritikern daher die Debatte um Obergrenzen entbrannt: 500 Seiten kristallisieren sich heraus. Selbst Auffangzonen scheinen für manche nicht mehr tabu, in denen man die Seitenmassen mit vielen freiwilligen Lesehelfern bewältigen könnte. Aber es ist auch klar, dass man nicht für jedes dicke Buch etwas tun kann, manche müssen abgewiesen werden in ihre ja leider gar nicht so sicheren Herkunftsverlage. Manche glauben an europaweit geltende Seitenkontingente, doch im lesenden Resteuropa hält man die Deutschen schlicht für verrückt. Erschreckend ist dabei die klimatische Brutalisierung unter Literaturkritikern: Manche Empörte organisieren sich in lokalen Kritikerwehren gegen die Seitenmassen, während andere unter dem Hashtag #buchschrei Lesesolidarität mit den neuen Dicken fordern. Lassen wir uns trotzdem nicht entmutigen: Wir schaffen das.