Es ist eine geradezu verrückte Vorstellung, klar. Aber nur mal angenommen, die Deutsche Bank würde Profit machen, hätte keinen großen Rechtsstreit mehr zu klären und besäße eine Strategie für die Digitalisierung ihres Geschäfts – in so einer Welt würde Lars Reiner vielleicht noch für sie arbeiten. Doch die reale Welt sieht bitter aus, und in dieser Welt ist Reiner heute nicht mehr bei der Deutschen Bank, sondern Chef des Frankfurter Start-ups Ginmon.

Seit Mai bietet das junge Unternehmen seinen Kunden an, Geld online oder per Smartphone anzulegen, voll automatisiert, ohne Filiale oder Fondsmanager. Noch machen das dort nur ein paar Hundert Menschen, und noch beträgt die verwaltete Summe nur wenige Millionen Euro, doch Reiner glaubt an die Idee: "Wir sehen extremes Wachstum. Der Zug fährt gerade erst richtig los." Firmen wie Ginmon träfen "den Nerv der Zeit, den Nerv der Kunden". In der Tat elektrisieren diese sogenannten Fintechs die Geldbranche.

Die Idee für ein Angebot à la Ginmon kam Reiner bereits, als er in der hausinternen Beratung der Deutschen Bank arbeitete. Aber, so sagt er, "ich habe die Idee mit ein paar Leuten diskutiert und gemerkt, dass der Widerstand zu groß ist". Die Bank habe sich zu sehr mit all ihren Problemen herumgeschlagen, um sich tiefer mit der Digitalisierung zu befassen. Ende 2014 kündigte Reiner, fand Mitstreiter und gründete Ginmon. Heute ist er 28 Jahre alt, froh, nicht mehr ständig Anzug tragen zu müssen, und überzeugt, dass seine Firma mit 14 Mitarbeitern mehr draufhat als die größte deutsche Bank. "Wir haben keine alten Systeme, keine große Organisation und keine Angst vor der Kannibalisierung anderer Geschäfte", sagt er.

Reiner ist nicht der Einzige aus den Zwillingstürmen, den es zu einem Fintech gezogen hat – und: "Es gibt viele, die mit dem Gedanken spielen, die Bank zu verlassen und ein Unternehmen zu gründen. Es ist immer schöner, sich mit Wachstum zu befassen statt mit einem Schrumpfkurs." Er sei bei der Bank glücklich gewesen, schiebt Reiner noch nach, doch: "Wer seine Träume verwirklichen will, ist im Moment draußen besser aufgehoben."

Es sind kritische Monate für die Deutsche Bank. Ihr Rekordverlust von 6,8 Milliarden Euro im vergangenen Jahr hat Investoren geschockt, der Kurs der Aktie ist so tief gefallen, dass die Medien bereits die Gefahr wittern, dass die Bank übernommen wird. Das größte deutsche Geldhaus will weltweit 9.000 Stellen abbauen und in Deutschland 200 Filialen schließen, die Boni könnten 30 Prozent niedriger ausfallen als im Jahr zuvor und werden laut Bank vereinzelt sogar null betragen. Der neue starke Mann John Cryan hat klargemacht, dass noch 18 bis 24 Monate der Sanierung anstehen, bevor die Lage besser wird. All das drückt auf die Stimmung der Mitarbeiter, und nach etlichen Jahren der Krise sind viele von ihnen des Durchhaltens müde. Der Deutschen Bank droht ein Exodus.

Eine, die an der Spitze wie auch in den Filialen erlebt hat, wie die Krisenjahre die Menschen ausgezehrt haben, ist Karin Ruck. Zehn Jahre saß sie für die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, neben ihrem Job als Coach für Privatkundenberater. "Es hat oft an Stetigkeit gemangelt, am Willen, Veränderungen durchzuziehen und erst einmal abzuwarten, ob sie gelingen oder nicht", sagt sie. "Ich habe Konsequenz vermisst." Ob das Gezerre um die Vermögensverwaltung oder das Hin und Her um die Postbank – unten herrschte Unruhe, doch der Vorstand bekam wenig mit. "Da dringt nichts durch", sagt Ruck.

Die Bank bot vor allem jenen ein Zuhause, die in den alten Strukturen aufsteigen und viel Geld verdienen wollten, weniger den kreativen Geistern. "Ich habe nicht gelitten, aber ich konnte dort nicht so arbeiten, wie ich wollte – freier, unabhängiger, selbstbestimmter", sagt Ruck. 2013 verließ sie das Haus, dem sie fast 30 Jahre angehört hatte: "Irgendwann war es nicht mehr meine Bank." Sie, die als Aufsichtsrätin früher Josef Ackermann oder Anshu Jain kontrollierte, hilft heute Schülern im Alter von acht oder zehn Jahren bei Lernblockaden und anderen Schulproblemen. Ihr "Lernstudio" in Bad Soden hatte sie schon parallel zur Arbeit in der Bank aufgebaut. "Andere zu unterstützen macht mir Spaß", sagt Ruck. "Es freut mich, wenn ein Schüler erfolgreicher ist oder vor der Schule keine Angst mehr hat, das ist sehr befriedigend." Die 50-Jährige lebt heute nach ihrem eigenen Rhythmus, fühlt sich gesünder.

Rucks Stimme klingt lebendig, ihre Geschichte nach jemandem, der über den richtigen inneren Kompass verfügt. Ihr Abgang wirkt wie ein Verlust für die Bank, so wie der von Lars Reiner. Und derlei Verluste mehren sich.

"Ich weiß von vielen, die sich jetzt schon verabschieden, oft ohne Not", berichtet Stephan Szukalski, Chef der Bankangestellten-Gewerkschaft DBV und bis vor Kurzem Mitglied im Aufsichtsrat der Bank. "Es sind die Leistungsträger, die derzeit gehen", warnt er. Schuld sei die Unsicherheit, die alle Mitarbeiter in Deutschland erfasst habe. "Seit Monaten wird vom Stellenabbau geredet, doch immer noch gibt es seitens der Bank nichts Konkretes. Es ist grauslig", sagt Szukalski über die Verhandlungen zur Frage, wie unterm Strich allein in den deutschen Büros der Bank 4.000 Stellen wegfallen sollen. "Die Gespräche bleiben sehr an der Oberfläche und befassen sich bisher mit Verfahrensfragen oder dem Sozialplan. Welche Filiale geschlossen wird und wer gehen muss, ist noch völlig offen."

Die Bank nimmt es positiv. Die Gespräche mit den Arbeitnehmern seien "auf gutem Wege", sagte der scheidende Co-Chef Jürgen Fitschen vergangene Woche. Sein Kollege John Cryan ergänzte, "die große Mehrheit" sei "bereit, die Veränderungen anzugehen". Der Brite sieht selbst, dass sich im Haus schlechte Stimmung breitmacht und begegnet dem mit Lob: "Unsere Mitarbeiter sind erstklassig", sagt er zum Beispiel und dankt "für Ihren unermüdlichen Einsatz". Außerdem meldet die Deutsche Bank, dass sie nicht nur alte Stellen abbaut, sondern teilweise auch neue schafft. So sind bereits 1500 Kräfte in der IT und einzelne auch im Investmentbanking hinzugekommen. Dafür hat die "Deutsche" etwa bei den amerikanischen Branchengrößen J.P. Morgan oder Goldman Sachs gewildert.

Trotzdem verliert die Bank Spitzenkräfte, in der Vermögensverwaltung genauso wie im Investmentbanking. Einigen trauert niemand hinterher, weil sie in juristische Streitfälle verstrickt sind. Andere gelten als Verlust. So oder so, zurzeit finden sich in den Personalmeldungen der Branche ständig Deutschbanker, die zur Konkurrenz gehen.

All die Abgänge hinterlassen Spuren. Die Erträge im Investmentbanking sind im letzten Quartal 2015 eingebrochen, lagen 30 Prozent unter Vorjahr. Das liegt nicht nur an den personellen Verlusten, aber auch. Gerade das Kapitalmarktgeschäft hängt oft von einzelnen Mitarbeitern ab, und so richtig es ist, dass die Bank einige Aktivitäten aufgibt und die Boni kürzt: Es hat auch seinen Preis, wenn Leute gehen, die Einnahmen brachten. Ein Kenner des Hauses rechnet mit einem neuen Schwung an Kündigungen, wenn im März die Boni bekannt werden.

Welch absurde Folgen die Dauerkrise haben kann, zeigt der Fall Armin von Falkenhayn: Er war Josef Ackermanns erster Assistent, als dieser 1996 zur Bank stieß, und gilt heute als Macher, der in der Industrie bestens verdrahtet ist und große Deals an Land ziehen kann. Bis 2014 führte er bei der Deutschen Bank das Investmentbanking innerhalb der Bundesrepublik. Auf einmal bekam er zwei neue Chefs. Falkenhayn verließ die Bank, vertrieb sich die Zeit mit Einsätzen bei der Weinlese und in der Schule seiner Kinder. Dann wurde er Deutschlandchef der Bank of America.

Ein vermeidbarer Verlust, wie man heute weiß: Von den zwei Chefs, deretwegen er einst ging, hat einer inzwischen selbst die Deutsche Bank verlassen – und der andere ist gerade auf dem Weg nach draußen.

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