Sophie Althofer ist fünf oder sechs Jahre alt, mit einem Kopf, der viel zu groß ist für den "kurzen Rumpf" und die "dünnen, anmutig geformten Glieder". Sie ist geistig behindert, ein Pflegling der Fürsorgeanstalt Spiegelgrund in Wien. Hat man über ein behindertes Kind je etwas Liebenswürdigeres gelesen? "Im Grunde ist alles an ihm mit kaum glaublicher Sorgfalt gestaltet, von den schmalen Fingern mit den glänzenden, halbmondförmigen Nägeln, die auf der Bettdecke ruhen, bis zu dem Puppenkopf mit seiner Porzellanhaut, seinem spitzen Kinn und dem kleinen wohlgeformten Mund mit den schon fast ironisch gezeichneten Lippen. Die Augen sind tiefblau mit schweren aristokratischen Lidern, darüber eine hohe gewölbte Stirn, von der das feine, aber dichte rötliche Haar zurückgekämmt ist." Das wird ihr nicht helfen. Sophie lebt 1940/41. Es sind die Jahre, in denen das nationalsozialistische Deutschland alle geistig Behinderten ermorden will, auch sie muss sterben.

Der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg hat ihr und den anderen Kindern ihres Schicksals ein Denkmal gesetzt mit dem Roman Die Erwählten. Über Jahre hat er die Zustände in der Anstalt Spiegelgrund erforscht, sein Roman ist in hohem Maße dokumentarisch. Auch dessen Hauptfiguren haben gelebt, Adrian Ziegler, der tatsächlich Friedrich Zawrel hieß, und Anna Katschenka, eine Krankenschwester, die wie alle ihre Kolleginnen und Ärzte mit dem historischen Namen auftritt.

Adrian Ziegler ist ein armer Hund seit seinen ersten Lebensjahren. Der Vater ein Alkoholiker und Schläger, die Mutter überfordert. Es wird gehungert, zwischendurch werden die Kinder zu Pflegeeltern gegeben, auch das führt zu nichts Gutem. Die fortschrittlichen Sozialleistungen, die das rote Wien der Zwischenkriegszeit gewährt, erreichen die Familie Ziegler nicht. Vielleicht ist es sogar besser so, der brutale Vater hätte sie wohl nur für dunkle Geschäfte eingesetzt. Dabei, immerhin, ist er ein wilder Gegner der Nazis. Adrian wird als "Zigeuner" und schwer erziehbar eingestuft, er bleibt Jahre im Spiegelgrund und sieht, was die Anstalt mit den Kindern macht: Sie "deformierte sie zu Tode". Aber Adrian überlebt und wird zum Zeugen, vor allem zum Zeugen der unablässigen Demütigungen. Die Bettnässer zum Beispiel werden in eine Badewanne mit eiskaltem Wasser gesteckt und immer wieder untergetaucht, bis sie sich in den schweren Leinenhandtüchern verheddern und keine Luft mehr bekommen. Man nennt das: "schlempern lassen". Ein Junge bringt seine Muschelsammlung mit und breitet sie auf einem Tisch aus. Eine Schwester bewundert sie mit dem Kind, dann fegt sie alles auf den Boden und zertritt die Muscheln: "Hier haben wir keinen persönlichen Besitz."

In solchen Vorkommnissen wird die Empörung des Lesers geweckt. Mit den großen Tatsachen des nationalsozialistischen Terrors ist er bekannt, das Einzelne, das Vorstellung ermöglicht und Einfühlung, rüttelt ihn auf. Aber etwas Unheimliches liegt doch darin. Eine der Schwestern, die einzige, die die Partei der Kinder ergriffen hat, so gut es ging, spricht es bei einer Zeugenvernehmung später aus: "Überhaupt war es auffallend, wie undramatisch alles ablief, auch und vielleicht besonders das Töten und Sterben."

In seinem Roman löst Sem-Sandberg das Problem, das sich künstlerisch damit verbindet, durch eine kurztaktige Form. Sie justiert die Aufmerksamkeit immer wieder neu und erlaubt, im behördlichen Gang der Dinge das Unglück der Opfer zu sehen. Und zugleich wechselt der Autor zwischen der Sichtweise der Kinder, vor allem Adrian Zieglers, und der der Täter, repräsentiert durch die Krankenschwester Anna Katschenka. Von ihr heißt es, sie habe die Pflege "im Blut" gehabt. Gewiss ist sie nicht zum Verbrechen bestimmt. Die Familie ist gut sozialdemokratisch und verachtet den Antisemitismus. Anna heiratet einen jüdischen Medizinstudenten, der sich aber als Hochstapler herausstellt. Da trifft sie auf einen Arzt, der ihr durch seine Empathie aus der tiefen Lebenskrise heraushilft. Und als sie nach dem "Anschluss" Österreichs aus politischen Gründen keine Stelle mehr bekommt, wendet sie sich an ihn, Dr. Jekelius, der gerade die Anstalt Spiegelgrund übernommen hat. Ihn bewundert sie, auch um seiner fortschrittlichen Methoden willen. So gleitet sie in das Unrecht aus Not, aus Dankbarkeit, aus Loyalität, wohl auch aus Verliebtheit, dann durch die Macht der Gruppe. Und irgendwann hat sie sich die rechenhaft-sozialtechnologische Sicht der Anstalt zu eigen gemacht – doch nicht, ohne sich vor den einen Schützling zu stellen, an dem sie nicht schuldig werden will.

Mit großer Klugheit hat Sem-Sandberg historische Genauigkeit und Fiktion verknüpft. Er hat den Ton gefunden für die Verlassenheit der Opfer, für die Gewalt, die ihnen in den medizinischen Experimenten angetan wurde, auf die nach Kriegsende einer der übelsten Ärzte, Dr. Heinrich Gross, noch eine steile wissenschaftliche Karriere aufbauen wird. Eigens für ihn wird ein Forschungsinstitut aufgebaut, in dem er die Präparate verwendet, die den auf sein Geheiß "abgespritzten" Patienten entnommen wurden. Und wieder bekommt er spezielle Gewalt über Menschen. Als Österreichs meistbeschäftigter Gerichtspsychiater trifft er Jahre später noch einmal auf Adrian und verdammt ihn zu neuer, mehrjähriger Haft.

Aber Sem-Sandberg geht auch den Zweifelhaftigkeiten nach, den Eltern, die ihre Kinder retten wollen vor dem Tod und damit oft überfordert sind. Die Tötung "lebensunwerten Lebens" ist das einzige der nationalsozialistischen Verbrechen, das zwischenzeitlich abgebrochen wurde, Hitler fürchtete die Proteste der Kirchen und deren Wirkung auf die öffentliche Stimmung. Und doch gab es in der Bevölkerung auch eine undeutliche Hinnahme solcher eugenischen Maßnahmen, so etwas hatten Untersuchungen schon in den frühen 1920er Jahren ergeben. Das macht das Los der Kinder vom Spiegelgrund so unheimlich, über das Jahr 1945 hinaus.

Steve Sem-Sandberg: Die Erwählten.
A. d. Schwedischen v. Gisela Kosubek; Klett-Cotta, Stuttgart 2015; 525 S., 26,95 €, als E-Book 21,99 €