Die Krone der Schöpfung sind bekanntlich wir Menschen. Wir twittern aus dem Weltall und stellen Rekorde im Pfahlsitzen auf, wir züchten Mäuse, die leuchten, und ziehen Tomaten mit dem Geschmack von Äpfeln und essen Gummibärchen aus Rinderknochenmehl. Welche Lebensform auf Erden könnte solch eine umfassende Herrschaft über die Biosphäre für sich beanspruchen? Eben.

Wer am Gedanken unserer Superiorität festhalten möchte, sollte Bernhard Kegels Die Herrscher der Welt nicht lesen. Der Biologe und Chemiker behauptet gleich zu Beginn seines Buches, dass wir auf diesem Planeten nur eine Nebenrolle spielen: Als unser vielzelliger Urahn vor 700 oder 800 Millionen Jahren auf den Plan trat, hatten Mikroben schon drei Milliarden Jahre Zeit gehabt, die Welt zu erobern. Wer immer sich breitmachen wollte, musste sich mit ihnen arrangieren.

Wie diese Übereinkommen aussehen, beginnt die Wissenschaft gerade erst zu verstehen. Die Erforschung von Mikrobiomen, der Gesamtheit aller Mikroorganismen, die ein Lebewesen bevölkern, steht ganz am Anfang. Doch die Erkenntnisse stellen einige der alten Gewissheiten der Biologie infrage. Etwa die Vorstellung davon, was ein Lebewesen ist. Eine abgeschlossene Einheit, die Summe aus Genen und Umwelt? Auf dieser Annahme beruhen ganze Wissenschaftszweige, von der Verhaltensbiologie über die Psychologie bis zur Wirtschaftsforschung. Diese Sichtweise ist in ihrer Absolutheit so nicht mehr haltbar.

Eine neue Generation von – vornehmend weiblichen – Mikrobiologen arbeitet heute an einem anderen Bild des Lebens, das wir in seiner Komplexität nur grob abschätzen können. Ein Beispiel ist die Mundflora. 700 Spezies haben Forscher hier bislang identifiziert, insgesamt vermuten sie rund 25.000 in den Mündern der Menschen dieser Welt. Zum Vergleich: Alle Vogel- und Säugetierarten zusammen kommen auf rund 15.500. Es wimmelt also in unseren Mündern, und auch auf unserer Haut, in unseren Ohren und vor allem in unserem Darm. Noch weiß man kaum etwas darüber, wie sich dieses Gewühl auf uns auswirkt, nur dass es einen Einfluss auf Wohlbefinden und Gesundheit hat, das gilt als sicher.

Erst wenige Beziehungen zwischen dem Wirt und seinen Mikroben sind bislang verstanden. Kegel wählt das Beispiel der Gemeinschaft im Korallenriff. Korallen sind kleine schleimige Polypen, die sich mit Mikroben zusammentun müssen, die in der Lage sind, Photosynthese zu betreiben. Nur als Team kann sich die Koralle ernähren und ihr charakteristisches Kalkskelett bilden. Kegel ist einer Gruppe Forscher ans Rote Meer gefolgt. Seine Reportage ist kein Glanzstück, die Beschreibung des Zusammenlebens von Polyp, Cyanobakterien und Mikrobe hingegen schon. Erst moderne Methoden der Mikrobiologie konnten zeigen, was dem Auge und der Forschung lange verborgen war: Die Lenker im Riff sind nicht die Fische und nicht die Korallen. Es ist eine Gemeinschaft von Unsichtbaren, ein Heer der Winzigen, das die Oasen der Vielfalt inmitten des Wüste der Meere möglich macht.

Mikroben helfen ihren Wirten bei der Ernährung oder der Verteidigung gegen Krankheiten. Sie verleihen Superkräfte, wie das Bakterium Vibrio fischeri, das in der Stummelschwanzsepie Euprymna scolopes lebt und sie des Nachts zum Leuchten bringt. Bei Kegel sind Mikroben beflissene Helfer, die seit Milliarden Jahren im Verborgenen ihr gutes Werk tun. Er nimmt damit den Paradigmenwechsel auf, der die Mikrobiologie gerade erreicht. Den edlen, hilfreichen und guten Mikroben gehört die Zukunft. Ein Individuum, das sein Glück und seine Gesundheit selbst in der Hand hat, gibt es nicht. Klar ist, so Kegel: "Kein Lebewesen ist mit sich allein." Man findet die Spuren der Mikroben in unserem Blut, über das sie kommunizieren. Der Darm, "das zweite Gehirn", wie Kegel ihn nennt, hat die höchste Dichte an Mikroben und die zweithöchste an Nervenzellen. Von hier aus gehen Botschaften auf die Reise in den ganzen Körper. Wer ihr Empfänger ist, weiß noch niemand.

Bernhard Kegel: Die Herrscher der Welt. Wie Mikroben unser Leben bestimmen.
DuMont Verlag, Köln 2015; 282 S., 22,99 €