Der Rausch ist ein Verwandlungskünstler. Er hüllt die Menschen erst ein wie in einen Zaubermantel und gibt ihnen dann einen Stoß, sanft aber schwungvoll, auf dass sie Dinge tun, die ihnen nüchtern nicht in den Sinn kämen. Manchmal ziehen sich die Menschen dann Krüge über den Kopf. Oder krächzen in ihr Telefon: "Ang...Aaangeeelika! Jetzt hör mir doch mal ...!" Das ist schlecht. Manchmal tanzen sie aber auch wild zu Tina Turner. Oder klettern auf ein Dach und singen. Das ist schön.

All das passiert, weil Alkohol es vermag, unseren Kopf in seine Schranken zu weisen (wofür er sich dann ja rächt am nächsten Tag). Seine Wirkung basiert auf der bittersüßen Verdummung, die er uns Trinkenden beschert. Das ist die Regel. Die Ausnahme ist der Last Word. Mein Lieblingsdrink. Denn der vernebelt nicht, er macht klar und klug. Zur Prohibitionszeit in Detroit erfunden, vertrocknete er über Jahrzehnte in den Rezeptbüchern – bis die Alchemisten unter den Barkeepern begannen, ihn wieder vor Gästen auf den Tresen zu stellen. Meinen Freunden und mir erstmals in dieser Münchner Bar, in der wir uns immer trafen, um arm und betrunken zu werden und stundenlang über das schöne, seltsame Leben zu reden, weil es nachts in München zum Glück eh nichts Besseres zu tun gibt.

Nach dem ersten Schluck war ich verliebt in den Geschmack, eine elegante Balance aus sauren Noten und Süße, sehr kraftvoll und frisch. Nach dem ersten Glas war ich verliebt in die Wirkung, das überraschende Gefühl, dass die eigene Sprache nicht schwammiger wird, sondern genauer, der Blick nicht enger, sondern weiter – und dass unser Gespräch nicht trüber wurde, sondern zu fliegen begann: Warum das mit der Freundin des einen nicht klappt: plötzlich klar. Was mit dem Job des anderen schieflief? Gelöst. Kanye West: Genie oder Arschloch? Entschieden. Der Last Word wirkt wie ein Weltwahrheitsserum – als würde das Universum einen kurz hinter die Kulissen schauen lassen: Hier Jungs, guckt mal!

Nur eine Frage bleibt am Ende eines Last-Word-Abends offen: Was zur Hölle ist da drin? Das Rezept sagt: Gin, der Kirschlikör Maraschino, Limettensaft und grüner Chartreuse zu gleichen Teilen. Mit Eis schütteln, abseihen. Fertig. Doch die Wahrheit ist: Man weiß es nicht. Denn woraus die Kartäuser-Mönche den Kräuterlikör Chartreuse genau zusammenrühren, ist seit Hunderten von Jahren ihr Geheimnis. Dass das eine oder andere psychoaktive Pflänzchen darunter sein mag, kann man nur ahnen, während man glücklich berauscht und leer geredet auf die Straße tapst, um das wirklich letzte Wort zu sprechen: Taxi!