Mein Name ist Roland Jurczok. Seit 1998 wohne ich in Zürich. Geboren wurde ich 1974 in Wädenswil am Zürichsee und habe ebenda die Primarschule besucht. Bei Frau Federer habe ich Schreiben und Lesen gelernt. Seit 41 Jahren lebe ich in der Schweiz. Ich lebe in dem Land, in dem ich geboren wurde, spreche fließend Schweizerdeutsch. Und hätte ich nicht einen Nachnamen, der anderes vermuten ließe, käme wohl niemand auf die Idee, mich nicht für einen Schweizer zu halten.

Nun kommen aber ein paar Mannen noch auf ganz andere Ideen.

Die Durchsetzungsinitiative der SVP will durchsetzen, dass ich mich nicht mehr als Schweizer fühlen kann. Sie will einen Riegel zwischen mein Herz und meinen fremden Pass schieben. Die SVP will, dass die 41 Jahre, die ich hier verbracht habe, zur Scheinexistenz verkommen. Auch wenn ich kein Stimmrecht habe, gelten für mich die Grundrechte der Schweiz. Und die sind mir ans Herz gewachsen. Das Grundrecht, vor dem Gesetz gleich wie jeder andere Mensch zu sein, Artikel 8 der Bundesverfassung, zum Beispiel. Ein Recht, das mich zum Menschen unter Menschen macht. Ein Recht, das ich in einer Skala der menschlichen Existenz über meiner Staatszugehörigkeit und hauchdünn unterhalb meines Herzens ansiedle. Darum schreibe ich: ans Herz gewachsen.

Bei einer Annahme der Durchsetzungsinitiative würde mir dieses Recht faktisch entzogen – weil ich Ausländer bin.

Ich kann mich natürlich auch nach einer Annahme der Durchsetzungsinitiative immer noch als Schweizer fühlen. Oder sagen wir, ich würde immer noch zur "Rechts- und Sozialgemeinschaft der Schweiz" gehören, wie es ein "brillanter" Rechtsprofessor der SVP formuliert. Ja, das steht mir frei. Das kann mir kein noch so toller Volkswille nehmen. Und ich hatte auch bisher nicht die gleichen Rechte wie ein Schweizer Bürger. Nur werde ich nach einer Annahme deutlich zu spüren bekommen, dass man mir auch ein sogenanntes Bagatelldelikt sehr hoch anrechnen wird, im Wiederholungsfall mit einem Landesverweis. Da dürfte es dann mit dem Fühlen, Herz hin oder her, endgültig fertig sein.

Auch wenn ich politisch nichts zu sagen habe, kein Stimm- und Wahlrecht besitze, habe ich etwas zu sagen, oder sagen wir: zu erzählen.

Noch kann ich erzählen, was ich will. Die Meinungsäußerungsfreiheit gilt auch für Ausländer in der Schweiz. Noch gilt Artikel 16 der Bundesverfassung. Er gehört zu unserem Demokratieverständnis. Wobei, konsequent gedacht: Warum sollten Ausländer gleich frei wie Schweizer ihre Meinung äußern dürfen? In der Schweiz, zu Schweizer Themen meine ich. Das geht sie ja eigentlich nichts an, oder?

Nein, die Schweizerische Volksparanoia hat mich bislang nicht ergriffen. Nein, ich höre immer noch genau hin. Ich versuche immer noch zu differenzieren und melde mich zu Wort, wo ich kann. Aber ich begegne ihr täglich, nicht nur beim Zeitunglesen, auch auf der Straße, in Cafés und in der Familie. Ja, selbst an Weihnachten.

Mit ihrem Schwarz-Weiß-Denken setzt die Schweizerische Volksparanoia auch die Schweizer unter Druck. Sie müssen sich jetzt entscheiden. Schwarz oder Weiß. Sie zwingt die Leute dazu mit ihrer Durchsetzungslogik – ein Volk, ein Wort –, Partei zu ergreifen. Nicht nur zu richten, sondern auch zu handeln. Nicht nur am 28. Februar.

Das Schwarz-Weiß-Denken geht weit. So weit, dass die Tochter meines eingebürgerten Bruders während des vorgezogenen Weihnachtsessens überrascht und empört fragt, ob sie und mein Bruder mit "Ausländern", also mit mir und meiner Mutter – auch seiner Mutter ist korrekt – am Tisch säßen. Das Gespräch kreist um die bevorstehende Abstimmung. So weit hat sie es gebracht, die Schweizerische Volksparanoia. Meine Nichte hat bereits vergessen, dass ihr leiblicher Vater einmal zu den Ausländern zählte. War sie sich dessen jemals bewusst? Oder wurde da bereits frühzeitig ein Riegel geschoben? Aus Angst vor einem Ausländeranteil?