Viel wird in diesen Schicksalszeiten darüber gesprochen, dass die Werte und Traditionen der Deutschen bedroht seien. Welche Werte das sein sollen, wird gerne offengelassen. Würstchen und Kartoffelsalat hätte man ja mal erwähnen können, die gehören zum deutschen Wertekanon. Und sie sind tatsächlich bedroht! In den Provinzregionen kann sich die Tradition in der unteren Mittelschicht noch halten, im Westerwald etwa oder im Raum Osnabrück. Aber auch dort wird sie früher oder später verschwinden. Schuld ist eine neue Form der Popkultur, die ausgehend von den Großstädten vom ganzen Land Besitz ergriffen hat: Food. Also das Gegenteil von Würstchen mit Kartoffelsalat.

"Über Jahrzehnte hat die Mode den Taktstock geschwungen, wenn es um Identität und Selbstinszenierung ging", heißt es im Food Report 2016 des Frankfurter Zukunftsinstituts. Inzwischen aber mache etwas anderes den Kern der Selbstdarstellung aus: "Food, also die Art, wie wir uns ernähren, was wir wann essen, wo wir was essen, mit wem wir uns wo treffen, sagt mehr über uns aus als die Kleider, die wir tragen. Damit erhöht sich Food vom Lebensmittel zum Stilmittel. Es wird Ausdruck einer Ideenfindung über sich selbst."

Kurz: Essen wird der neue Pop.

Dass Ernährung längst Pop ist, zeigt sich daran, dass der Komplex sich nicht mehr auf einen einzelnen Trend reduzieren lässt. Vieles wuselt durcheinander, verstärkt sich gegenseitig, zieht von unterschiedlichen Ecken an unserem Tischtuch. Da ist, als größte Kraft, die Abwendung vom industriellen Essen: Das Handgemachte zählt, Technik darf noch als Mechanik einer Retro-Espressomaschine vorkommen. Ansonsten gilt für Cafés und Restaurants: unbehandeltes Holz, Brett statt Teller, Marmeladen-Einweckglas statt Bierkrug, Rind nur mit Adresse des Herkunftsbauernhofs. Das ist mehr als jenes "Bio", wie es sich bis eben noch in der Gemüsekiste mit den verschrumpelten Möhren entfaltete – es ist eine eigene Ästhetik, die sich zur Bio-Natur so verhält wie der gepflegte Bart des Großstädters zu dem des Schiffbrüchigen.

Das zweite Genre im Food-Pop ist der Traum vom Zaubermittel fürs ewige Leben. Stündlich werden in Kalifornien, Brooklyn und Berlin neue Superfoods ausgerufen, was gestern noch Goji-Beeren, Mandelmilch und Chia-Samen waren, wird morgen ein neues Rohprodukt aus einer exotischen Weltregion sein, von dem man sich verspricht, wonach bereits spanische Konquistadoren die Neue Welt durchsuchten: die Quelle ewiger Jugend und immerwährender Gesundheit. Medizinische Belege für die besondere Kraft der Superfoods sind rar. Abgekoppelt von der Ernährungswissenschaft ist auch der moderne Verzicht auf einzelne Stoffe oder ganze Nahrungsmittelgruppen. Inzwischen steht nicht nur beim Großstadtbäcker um die Ecke die halbe Stadt Schlange, um glutenfreies Brot zu kaufen, selbst die Deutsche Bahn hält in ihrem Bordbistro ein langes Erklärungsheft bereit, das sämtliche Allergene und Zusatzstoffe der Bordspeisen auflistet. Durch solche Einschränkungen lässt sich die eigene empfindliche Individualität besonders wirksam kommunizieren – was allerdings im Zweifelsfall auch unterbleiben kann. Ganz spielerisch natürlich. Den Satz "Ich darf eigentlich kein Gluten essen ..." hört man sehr häufig in Kombination mit: "... aber heute mach ich mal ’ne Ausnahme".

Auch Food als Individualisierungsstrategie geht nur dann auf, wenn man sich mit anderen austauschen kann. Die Fokussierung aufs Essen ist also nicht der häufig beschworene Rückzug ins Private, sie funktioniert auch draußen, mit anderen. Das beweisen die allgegenwärtigen Street-Food-Markets – die noch vor Kurzem ein Berliner Phänomen waren. Dort schlendern die urbanen jungen Erwachsenen donnerstags in der Markthalle 9 von Stand zu Stand und versorgen sich mit hausgemachten Kleinigkeiten aus bestem regionalem Fleisch und saisonalem Gemüse, für "auf die Hand". Ein vergemeinschaftendes Ereignis, das das Popkonzert als Raum der Begegnung ablöst. Ist dort die Musik bloß Anlass und Hintergrund, mal wieder rauszukommen und Bekannte zu treffen, ist es beim Street Food das Essen.