Man kann die Menschheitsgeschichte, grob gesagt, in drei Phasen unterteilen: Am Anfang waren alle arm, dann wurden einige reich – und jetzt kommen die Armen zu den Reichen. Die Flüchtlingskrise ist deshalb mehr als eine Momentaufnahme. Sie markiert das Ende einer Epoche.

Es war das Merkmal dieser Epoche, dass die Dinge für den Westen in eine sehr angenehme Richtung liefen. Wir verkauften Autos und Maschinen nach China, holten Rohstoffe aus Afrika, verschrotteten unsere Schiffe an den Küsten Indiens und verklappten unseren Müll auf den Weltmeeren. Ein Teil der Welt, unser Teil, erlangte dadurch bis dato unvorstellbaren Wohlstand. Das nannten wir dann Globalisierung.

Nun aber dreht sich die Globalisierung gewissermaßen um: Auf einmal kommt der andere, ärmere Teil der Welt zu uns. Weil es bei uns friedlich ist und kein Krieg herrscht. Mit jedem Flüchtlingstreck, jedem Flüchtlingsboot werden die Ungerechtigkeiten zwischen Arm und Reich, zwischen "denen" und "uns" sichtbarer. Und mit jedem Treck und jedem Boot fühlen sich jene bestätigt, die die Grenzen abschotten wollen, damit alles so bleibt, wie es war.

Die Aggression gegenüber denjenigen, die an unserem Wohlstand teilhaben wollen, ist die Verbindungslinie zwischen Donald Trump in den USA, Marine Le Pen in Frankreich, Nigel Farage in Großbritannien und Frauke Petry in Deutschland. Diese Aggression eint die Kritiker der etablierten Parteien auf beiden Seiten des Atlantiks.

Womöglich verbirgt sich hinter dem Aggressiven die Angst vor einer großen Frage, die mit Macht nach einer Antwort verlangt. Der Frage nämlich, warum wir so reich und die anderen so arm sind. Und ob die anderen überhaupt jemals so reich werden können, wie wir es sind. Wir haben uns angewöhnt, über die Welt in den Kategorien von Geben und Nehmen nachzudenken. Die Flüchtlingskrise zeigt: Wir müssen uns mit dem Teilen beschäftigen.

1 Nehmen

Jedes Jahr im Sommer errechnen Umweltexperten den sogenannten Earth Overshoot Day: Das ist der Tag des Jahres, an dem alles verbraucht ist, was die Natur binnen zwölf Monaten erneuern kann – dazu gehört Trinkwasser, Brennmaterial oder Bauholz, aber auch Getreide oder bestimmte Fischarten. Im Jahr 1970 war das am 23. Dezember. Seitdem ist dieser Tag immer weiter nach vorne gerückt: Im vergangenen Jahr bereits auf den 13. August.

Ökonomisch betrachtet ist der Earth Overshoot Day jener Tag, ab dem die Menschheit auf Kredit lebt. Die Schulden zeigen sich in Form von Klimawandel, Artensterben oder Wassermangel.

Einen solchen Tag dürfte es eigentlich gar nicht geben. Der Kapitalismus beruht ja auf der Annahme, dass dem Streben nach Wohlstand keine Grenzen gesetzt seien. Jeder könne sich nehmen, was er wolle, weil der Kuchen immer größer werde. Genauer gesagt: Je mehr sich jeder nimmt, desto größer wird der Kuchen. Ökonomen haben sich den wirtschaftlichen Fortschritt als eine Art Virus vorgestellt: Wenn wohlhabende Länder mit ärmeren Ländern Handel treiben oder anderweitig ins Geschäft kommen, stecken sie diese Länder mit ihrem Reichtum an. Weil beim Austausch von Waren und Dienstleistungen beispielsweise Technologien weitergegeben werden oder sich jeder in der Produktion auf das spezialisiert, was er am besten kann.

Was aber, wenn die Menge an möglichen Geschäften begrenzt ist? Weil in den Weltmeeren heute schon mehr Plastik als Plankton schwimmt? Weil jeden Tag ein Stück Regenwald von der Größe eines Fußballfeldes gerodet wird? Weil die Polkappen, wenn nichts geschieht, womöglich in einigen Jahrzehnten komplett abgeschmolzen sein könnten?