Wunderbare Szene aus der Fabelhaften Welt der Amelie: Ein Mann kniet auf kaltem Bahnhofsbeton, schiebt ein Lineal in einen Spalt, der sich zwischen dem Boden und dem Gehäuse eines Automaten öffnet. Er stochert, zerrt, pult Schnipsel heraus von Fotos, die in dem Automaten geschossen wurden, von Aufnahmen, die die Aufgenommenen achtlos weggeschmissen haben, liegen gelassen, vergessen haben. Der Mann setzt sie zusammen, klebt sie in ein Album. Er bewahrt auf, was anderen wertlos erschien, und macht aus dem Wertlosen etwas, das erinnerungswürdig ist.

Der Fotoautomat ist eine Kiste des Augenblicks. Warum Menschen ihn lieben? Darum! Weil er die Zeit festhält und gleichzeitig aus der Zeit gefallen ist. Weil er Momente bewahrt, die unvergesslich bleiben – und Momente schafft, die nur in ihm möglich sind.

Vorhang auf! Das Stück Stoff gehört nicht ohne Grund zum Fotoautomaten. Er trennt die Welt da draußen vom Theater da drinnen. Ein Kammerspiel, natürlich. Der Platz: irre begrenzt, ein Quadratmeter, in der Mitte ein Schemel aus hartem Plastik. Das macht den Moment aus. Wäre der Schemel gemütlich, wäre der Platz weit, niemand wollte Fotos in Automaten machen. Der Zauber des Augenblicks lebt von der künstlichen Verknappung: Münze einwerfen, reinspringen, reinquetschen, reinschauen, in die Linse.

Grinsen wie blöde, Blitz, warten.

Backen aufpusten, Blitz, warten.

Auf die Wange knutschen, Blitz, warten.

Mund aufreißen, Blitz, lange warten, bis die Bilder endlich entwickelt sind.

Ein schmaler Streifen. Schwarz-Weiß. Vier Motive. Daumenkino in Zeitlupe.

Fotos schießen kann jedes Handy besser. Die Bilder sind digital, sofort verschickbar, bereit zum Teilen, Zeigen, Angeben: Alle mal hergucken – ich bin hier! Der Fotoautomat kann das alles nicht. Und gerade deshalb können ihm die Zeit und alle Handys der Welt nichts anhaben. Er versetzt Menschen, die die mühsamen analogen Zeiten nicht mehr kennen, um Jahre zurück.

In Hamburg stehen die Automaten dort, wo Retro zum Schick gehört: in der Schanze und im Karoviertel. Der Mann, der einige von ihnen betreibt, heißt Morris. Er holte sie von einem Schrottplatz in den Niederlanden, sie waren völlig zerfetzt, er setzte sie neu zusammen. Fast jede Nacht ist Morris unterwegs, checkt den PH-Wert, schaut, dass genug Papier da ist, damit die, die kommen, sich festhalten können auf diesem Papier.

Zwei Nächte lang haben wir an seinen Automaten gestanden, an der Feldstraße und am Schulterblatt, und haben Menschen um ihre Fotos gebeten. Haben mit ihnen darüber gesprochen, was sie an den alten Kisten fasziniert, woher sie kommen, wer sie sind – nachdem sie sich ein Bild von sich selbst gemacht haben.

23:19

Ingo, 31, und Dana, 27, aus Tönisvorst, NRW, mit Dany, 36, aus Duisburg

Ingo: Die zwei Weiber, furchtbar. Die Kichereien. Da kannste als Mann ja nicht mitreden. Ich lass die beiden eigentlich lieber allein, aber ich wollte unbedingt das Konzert von "Jeden Tag Silvester" im Knust sehen. Jetzt laufe ich einfach mit. Und wenn es mir zu blöd ist, laufe ich weg. Was soll ich denn machen?

Dana: Ingo ist mein Mann, ich nenne ihn Super-Ingo. Wir sind extra aus Nordrhein-Westfalen nach Hamburg gekommen, vier Stunden Anfahrt nur für das Konzert. Mega! Mit Konzerten ist das immer sehr schwierig, Ingo ist ja eher ein ruhiger Typ. Dany und ich sind beste Freundinnen, wir haben uns vor einem Jahr in so einem peinlichen Wassersportkurs kennengelernt, so ein Aqua-Scheiß mit Fahrrädern im Wasser.

Es fühlt sich trotzdem so an, als würden wir uns schon ewig kennen. Wir lachen uns über dieselben Sachen kaputt, und alle denken sich nur: Ach, die zwei schon wieder.

Wir Frauen wollten eigentlich lieber allein unterwegs sein, aber Super-Ingo hat sich reingedrängt. Und wir brauchten jemanden, der fährt, da haben wir gesagt: Lasst uns zusammen los.

01:13

Kaspar, 25, Cedric, 26, Reto, 29, und Sandro, 28, aus Zürich mit Jan Broder, 35, und Franz, 35, aus Hamburg

Franz: Wir machen jetzt ein Foto – als Erinnerung, falls sich die Schweizer morgen an nichts mehr erinnern, weil Hamburg sie komplett zerstört hat. Wir kennen uns aus Borneo. Die verrückten Schweizer wollten damals natürlich unbedingt auf einen 4.000 Meter hohen Berg klettern, und ich, der Hamburger, hab das mal mitgemacht – mit gebrochenem Daumen! Für die Schweizer war das ein Spaziergang. Daraus ist eine Freundschaft geworden. Und jetzt sehen wir uns das erste Mal wieder. Ich schicke die jetzt erst mal Richtung Hamburger Berg, den Kiez kennenlernen. Ab 1,5 Promille lasse ich sie aber allein, da müssen sie gucken, wie sie auf der Reeperbahn klarkommen. Gestern wurden sie fast aus dem Hofbräuhaus geschmissen.