Weil sein echter Name kompliziert ist, nennen sie ihn Wischi. Irgendwie gehören solche Namen dazu, hier zwischen Veddel und Wilhelmsburg, in einem Betrieb, wo Männer in Warnwesten Kaffee aus Pumpkannen trinken und Zigarettenschachteln herumliegen, in Großpackung. Es ist einer der Orte, an denen man schnell merkt, ob es gut oder schlecht läuft im Hafen.

Seit mehr als 40 Jahren ist Bernhard Wieszczeczynski Betriebsrat des Gesamthafenbetriebs, einer speziellen Leiharbeitsfirma für die Hafenunternehmen. Gibt es viel zu tun, fordern sie dort Leute an; wenn nicht, sorgt Wieszczeczynski dafür, dass es weiter Lohn gibt und keiner entlassen wird. Für dieses Jahr hat er es noch hingekriegt. Gerade so.

An seinem Schreibtisch hört Wieszczeczynski die Lkw mit ihren Containern aus dem Hafen auf die Autobahn rumpeln. Die vergangenen Wochen waren ruhiger als sonst im Winter. "Wegen der Krise", sagt Wieszczeczynski. Dann: "Nee, Krise darf man ja nicht sagen, eher ’ne Flaute, so’n Stillstand." Und schließlich: "Das wird länger anhalten."

Was derzeit im Hafen passiert, ist nicht leicht zu benennen. Deshalb erst einmal die Zahlen: Wohl weniger als neun Millionen Standardcontainer wurden 2015 in Hamburg umgeschlagen. Das wäre ein Rückgang von knapp zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und ein Viertel weniger als einst in ambitionierten Plänen vorausgesagt.

Kommende Woche werden Hamburgs oberste Hafenvermarkter die exakten Zahlen bekannt geben. Sie werden Erklärungen zur Hand haben: weniger Wachstum in China, dem wichtigsten Handelspartner. Sanktionen gegen Russland, den einst zweitwichtigsten Handelspartner. Und, klar, das ewige Warten auf die Elbvertiefung. Sie werden versichern, dass die Vertiefung kommt und die Konjunktur wieder anzieht. Eine vorübergehende Schwäche, nichts Grundlegendes. Ist das so?

All das erinnert an die Krise 2009, als der Umschlag so stark einbrach wie nie zuvor. Bis 2014 brauchte der Hafen, um wieder das alte Niveau zu erreichen – und jetzt geht es schon wieder abwärts. Seit einem Jahrzehnt kommt der Hafen kaum voran. Vieles spricht dafür, dass die vermeintliche Krise schlicht die neue Normalität ist.

Die Zeiten des rasanten Wachstums kehren nicht wieder, schon weil es keine zweite Globalisierung und keinen zweiten Mauerfall gibt. Von beidem hat der Hafen enorm profitiert. Mit einem Mal lag er mitten im wirtschaftlichen Zentrum Europas. Hier kamen die billig produzierten T-Shirts und Turnschuhe aus China an und wurden gen Osten weiterverteilt. Hamburg wurde zum Drehkreuz.

Heute produziert China selbst hochwertige und damit weniger Waren. Osteuropa setzt auf eigene Containerhäfen. So manches Schiff lässt Hamburg jetzt links liegen. Selbst die urhanseatische Reederei Hapag-Lloyd bringt Ware, die früher über Hamburg ging, nun teils direkt nach Danzig.

Dazu kommt, dass in Westeuropa noch nie so viele Hafenkapazitäten auf einmal in Betrieb gingen wie derzeit. Vergangenen April eröffnete der niederländische König die Maasvlakte 2, ein riesiges Hafenareal bei Rotterdam, direkt am Meer. Fünf Millionen Container können dort pro Jahr umgeschlagen werden. Das ist mehr als die Hälfte des gesamten Hamburger Umschlags. Weitere Millionen sollen hinzukommen. Auch Antwerpen baut seinen Hafen aus. Dass es der Konkurrenz gelingt, Hamburg Ladung streitig zu machen, legen die vergangenen Quartalszahlen nahe: Während Hamburg mehr als neun Prozent seiner Containerladung verlor, gewann Antwerpen acht Prozent und Rotterdam immerhin ein Prozent dazu. Trotz Konjunkturflaute.