Chris bringt seine Lehrerin zum Heulen. Nicht weil er so anstrengend wäre, nein: Er ist einfach so toll! Aufmerksam, höflich, ein Musterschüler. Sogar dem seltsamen, stets übernächtigten Neuen in der Klasse möchte er helfen, obwohl der das gar nicht will. Ist solch exzessive Wohlerzogenheit nicht langweilig? Gar nicht, denn dahinter steckt eine furchtbar traurige Geschichte. Die erfährt der Leser erst allmählich, was daran liegt, dass in Chris’ Familie nicht viel gesprochen wird. Papa arbeitet immer, Mama geht es schlecht, und Oma ist sauer auf Opa. Chris stellt besser keine Fragen. Dann zieht Emma ins Nachbarhaus – die kann Fragen stellen, schließlich wird sie später Kommissarin. Naoura beherrscht die Kunst, schwere Stoffe auf leichte Weise zu erzählen. Zuerst meint man, eines dieser Bücher über selbstbezogene Eltern und wohlstandsverwahrloste Kinder in der Hand zu halten. Und versteht dann: Manchmal werden die Dinge gerade deshalb kompliziert, weil sich alle so lieb haben.

Salah Naoura: Chris, der größte Retter aller Zeiten. Ab 11 Jahren; Beltz & Gelberg 2015; 188 S., 12,95 €