Bis nach draußen auf die Taborstraße reicht die Menschentraube vor dem Wiener Odeon Theater. Fünf Minuten nach Einlass sind alle Sitzreihen dicht gefüllt. "Ach nee", sagt Kilian Kleinschmidt, als er aus dem Foyer in Richtung Bühne geht und die 400 Besucher sieht, die seinetwegen gekommen sind. Für ihn ist noch immer befremdlich, dass ein 54 Jahre alter Entwicklungshelfer aus Nordrhein-Westfalen wie ein Star gefeiert wird. Dabei müsste er den Trubel um seine Person allmählich gewohnt sein.

Gestern war Kleinschmidt in einer Anwaltskanzlei zu Gast, nächste Woche geht es nach Brüssel zur EU-Kommission, an diesem Dienstagabend spricht er im Rahmen der Alpbach Talks. Dazwischen stehen TV-Debatten, Interviews, Treffen mit Politikern und Asylorganisationen an. Überall soll der 1962 in Essen geborene Kleinschmidt erklären, warum noch immer so viele Flüchtlinge nach Österreich kommen, wie die Krise das Land verändern wird, was jetzt zu tun ist. Langweilig oder banal ist Kleinschmidt dabei nie. Im Gegenteil: Seine Thesen und Lösungsansätze sind mitunter das Klügste, was Europa in der aktuellen Migrationsdebatte zu bieten hat.

Im vergangenen Oktober engagierte ÖVP Innenministerin Johanna Mikl-Leitner Kleinschmidt als externen Mitarbeiter. Seither berät der Wahl-Wiener die Regierung im Management der Erstaufnahmezentren für Flüchtlinge. Dass der Deutsche mit der hiesigen Flüchtlingspolitik wenig anfangen kann, ist kein Geheimnis. "Aber es zeugt schon von Weitsicht, wenn sich das Innenministerium einen Berater nimmt, der in der Flüchtlingspolitik sehr liberale und konträre Ansichten hat, das finde ich gut", sagt Kleinschmidt.

Seine Expertise hat sich der Mann mit dem etwas grimmigen Blick hart erarbeitet. Für UNHCR, das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, arbeitete er 25 Jahre lang in Krisenstaaten wie Pakistan, Sri Lanka, Uganda, Kongo und Ruanda. Nicht nur einmal ist Kleinschmidt an tödlichen Attentaten haarscharf vorbeigeschrammt. Er versteckte sich vor anrückenden Milizen zwischen Leichenbergen, musste Vergewaltigungen sowie Hinrichtungen von unschuldigen Frauen und Kindern mitansehen. Was macht das mit Menschen, die so etwas erlebt haben? "Sie sind nicht mehr dieselben", antwortet Kleinschmidt.

Es ist kein Zufall, dass der Sohn eines Lehrers und einer Verlegerin in Kaffeehäusern in der finstersten Ecke sitzt. Seitdem Kleinschmidt erlebt hat, was Splitterbomben mit zerborstenem Glas anrichten können, meidet er die Plätze am Fenster. Wenn Kleinschmidt die Rotoren eines Hubschraubers knattern hört, assoziiert er das Geräusch automatisch mit den Kampfflugzeugen AC130 Specter Gunship, die in Somalia zum Einsatz kamen. "Wie viele Soldaten leide ich unter posttraumatischen Belastungsstörungen", sagt Kleinschmidt. Der Job an der Front hat ihn fast aufgefressen. "In Uganda während eines Raubüberfalls wurde ich mit Scheinhinrichtungen psychisch gefoltert. Damals habe ich mit dem Leben gebrochen, wurde lange süchtig nach Gefahr und Adrenalin." Das ging so weit, dass er eine Zeit lang gar keine Schmerzen mehr spürte. "Ich habe einmal eine Therapie mit Hitzeakupunktur gemacht, der Arzt hat mir Verbrennungen zugefügt, und ich habe nichts gefühlt."

Kurz nach 22 Uhr ist der Alpbach Talk im Odeon Theater eigentlich vorbei. Kilian Kleinschmidt sieht müde aus, doch er muss ausharren, ist umzingelt von Besuchern, die ihm auf die Schulter klopfen oder brennende Fragen haben: Ob eine Obergrenze letztlich sinnvoll sei, will eine Dame wissen. Ob die Vorkommnisse in Köln Vorbote eines "Kultur-Clashs zwischen Muslimen und Christen sind", fragt ein älterer Mann mit Schnurrbart und Gehstock. Und die eine immer wiederkehrende Frage: "Wann reißt der Migrationsstrom wieder ab?"

Der Star des Abends hört sich alles an. Er verschränkt die Arme, nickt, zieht die Lippen nach unten und sagt in seiner ruhigen, einnehmenden Stimme: "Diese Menschen werden zu uns kommen, ganz egal, ob wir Obergrenzen einführen, Mauern bauen oder Grenzsoldaten aufstellen. Über 230 Millionen Migranten sind derzeit weltweit unterwegs. Keine Schutzmaßnahmen werden die people on the move von ihrer Flucht abhalten – besser ist es, legale Migration zu fördern, eine wirkliche Kontrolle und vor allem die Menschlichkeit zu behalten." Der Herr mit dem Gehstock schüttelt ungläubig den Kopf, als Kleinschmidt prophezeit: "Auch Österreich benötigt Zuwanderer, um die Überalterung zu verhindern und unsere Renten zu sichern – wenn wir diese Leute schnell in die Gesellschaft eingliedern, profitieren wir langfristig alle davon." Einige Besucher wirken nahezu schockiert, wenn Kleinschmidt sagt: "Europa wird sich massiv verändern in den kommenden Jahren. Wir werden immer mehr multikulturelle Städte haben, ähnlich wie heute New York oder London." Geht es nach ihm, wird sich auch Wien zu einer Mega-City entwickeln. Noch fühlt er sich in seiner Wahlheimat aber wie ein Fremder.