Der Kampf gegen Missbrauch wird noch lange dauern

Alle diese Fälle sind erschütternd. Besonders bewegt und empört aber hat mich die Geschichte von Marie Collins, meiner Kollegin in der päpstlichen Kinderschutzkommission. Sie sprach auf unserem ersten großen Treffen an der Universität Gregoriana 2012. Marie erzählte, wie sie als 13-Jährige von einem Kaplan missbraucht wurde, als sie im Krankenhaus lag. Ich weiß nicht, woher sie den Mut nahm, im Beisein ihres Mannes vor 120 Bischöfen und 35 Ordensoberen die Übergriffe des Täters zu beschreiben – dazu das Versagen der kirchlichen Stellen. Die trugen nicht nur dazu bei, dass Marie jahrzehntelang allein war mit ihrem Leid und sich sogar Selbstvorwürfe machte. Sie waren auch schuld, dass der Täter weitere Jugendliche missbrauchte.

Von vielen Bischöfen habe ich gehört, dass die Begegnung mit Marie Collins für sie ein Wendepunkt war. Von da an konnten sie die Opfer nicht mehr ignorieren. Doch weiter kommt Schreckliches ans Licht. Zuletzt: sexuelle Gewalt, die im Bistum Hildesheim verübt wurde, und verschiedene Arten von Missbrauch, unter denen Hunderte Domspatzen gelitten haben.

Hört das denn nie auf? Wie lange müssen wir uns noch empören über das, was Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche angetan wurde? Woher kommen Unwille und Unfähigkeit von Diözesanverwaltungen und Ordensleitungen, sich schnell und konsequent der Wahrheit zu stellen? Betroffene anzuhören? Ihnen Recht zu verschaffen? Ich beobachte immer dieselben Muster von Vertuschung, Vermeidung, Verleugnung, Gegenangriff und Larmoyanz. Ja, auch jetzt, sechs Jahre nach der deutschen Aufklärungswelle zur sexuellen Gewalt in kirchlichen und nicht kirchlichen Institutionen, 14 Jahre nach dem Bekanntwerden der Skandale von Boston, 20 Jahre nach Irland und 30 nach Australien und Kanada.

Immer noch warten Betroffene jahrelang auf einen Bescheid, was aus dem kirchenrechtlichen Prozess geworden ist, den sie angestrengt haben. Weiterhin gibt es keine klare Verfahrensordnung, um katholische Bischöfe oder Ordensobere zur Rechenschaft zu ziehen, die ihren rechtlichen Verpflichtungen zur Anzeige und Aufklärung von Missbrauch nicht nachkommen. Ich verstehe gut, wenn manchen Betroffenen der Mut sinkt, wenn innerhalb und außerhalb der Kirche viele Menschen tief verstört sind.

Und dennoch. Was zuletzt aus meiner Heimatstadt Regensburg zu hören war, war eine gute Nachricht: dass die Diözese und die Stiftung Regensburger Domspatzen einen unabhängigen Rechtsanwalt beauftragt haben, alle Fälle von Missbrauch aufzulisten. So unerträglich der Bericht für die Betroffenen ist, so bitter auch für die jetzige Kirchenleitung, endlich ändert sich etwas.

Leider kommt diese Veränderung Jahre und Jahrzehnte zu spät. Noch gibt es in Regensburg solche, die das Unheil kleinreden. Aber ich denke an meine Kameraden aus der Grundschule, die später das Domgymnasium besuchten und von deftigen Watschn und fliegenden Schlüsselbunden erzählten. Es ist gut, dass wir nun alles hören.

Vor einiger Zeit kamen Priester aus Süditalien zu mir, die entdeckt hatten, dass einer ihrer Mitbrüder Jugendliche missbrauchte. Als sie dies dem Bischof anzeigten, wies er sie zurecht und verbot ihnen, darüber zu sprechen. Daraufhin gingen sie zur Polizei, doch deren Reaktion war: Was sagt der Bischof zu einer Anzeige? Der Fall hat mir deutlich vor Augen geführt, wie schwierig Aufklärung dort ist, wo Kirche und Staat eine Symbiose eingehen, wo Korruption herrscht oder Autoritarismus.

Und es geht noch komplizierter. Als ich in Indien einen Vortrag hielt, vertraute sich mir danach unter Tränen eine Ordensfrau an. Sie leitete mehrere Waisenheime und hatte entdeckt, dass ein Erzieher – Sohn des Bürgermeisters der Stadt und Hindu – Kinder sexuell missbrauchte. Vor ihrem Gewissen, vor dem Gesetz und auch gegenüber ihren europäischen Geldgebern wäre sie verpflichtet gewesen, dies anzuzeigen. Doch sie konnte sich nicht dazu durchringen. Denn in ihrer Stadt leben 99 Prozent Hindus. Ginge die Katholikin zur Polizei, würde die den Bürgermeister informieren, der wiederum würde eine Untersuchung gegen seinen Sohn abwenden und Gegenmaßnahmen ergreifen. Die Furcht der Frau: eine Hetzkampagne gegen christliche Kinderheime oder die Schließung oder gar Brandstiftung. Wie handelt man angesichts so eines Dilemmas?

Der ungeschminkten Wahrheit ins Gesicht zu schauen ist schwer. Dazu braucht man Mut und den Willen, etwas zu ändern. Wenn künftig Berichte über Missbrauch vorgelegt werden – und es wird weltweit noch viele geben –, sind dies furchtbare Zeugnisse der Vernachlässigung menschlicher und christlicher Fürsorge. Es sind aber auch Zeichen des Aufbruchs. Nur dort, wo die Eiterbeule aufgestochen wird, kann Heilung beginnen.

Jesus Christus wird auch als Arzt der Seele bezeichnet. Deshalb sollen sich Stellvertreter Christi auf Erden vor allem in den Dienst des Heilens und Versöhnens stellen. Schon Papst Benedikt XVI. traf mehrfach Opfer von Missbrauch und ahndete einige eklatante Taten mit aller rechtlichen Konsequenz. Er verschärfte nicht nur das innerkirchliche Strafrecht, sondern forderte die katholische Kirche auf, sich an weltliches Straf- und Zivilrecht zu halten. Sein Entsetzen über die Untaten von Priestern und über die Versuche vatikanischer Behörden, die Priestertäter zu schützen, war ein Motor für Veränderungen. So hielt die päpstliche Universität Gregoriana im Februar 2012 für alle Bischofskonferenzen und Ordensgemeinschaften einen Kongress über Missbrauch ab. Das wäre ohne den Segen des Papstes unmöglich gewesen.

Alle Räume der Kirche müssen privilegierte Schutzräume sein

Papst Franziskus nun, dessen Herzensanliegen die Zuwendung zu den Kleinsten und Schwächsten ist, setzt neue Signale. Am sichtbarsten: die päpstliche Kommission zum Schutz von Minderjährigen, in der auch Betroffene mitarbeiten. Die Entstehung wurde im Dezember 2013 angekündigt, doch Ende Januar 2014 kam die scharfe Reaktion der UN-Kinderrechtskommission auf den viel zu spät eingereichten Report des Heiligen Stuhls, nun schien auf der Ebene der römischen Behörden alles blockiert. Bis wir bei Papst Franziskus Gehör fanden, dass rasches Handeln nötig sei. Als Übersetzer war ich dabei, als Franziskus sich im Sommer 2014 mit Betroffenen traf. Berührend war, dass er mich über ein Jahr danach, im Oktober 2015, von sich aus fragte, wie es jenen gehe, mit denen er gesprochen hatte. Er hatte die Einzelnen klar vor Augen und beauftragte mich, Grüße zu bestellen. Einem Mann sollte ich ausrichten, dass seine hinterlassene Postkarte der Pietà seither in der Gebetsecke des Papstes stehe.

Franziskus nennt die Kirche ein Feldlazarett, dessen Auftrag Barmherzigkeit sei. Doch über die Missbrauchstäter hat er mehrmals mit ungewöhnlicher Schärfe geurteilt. Meine härteste Erfahrung mit Priestertätern ist, dass manche nicht nur abstreiten, Kinder missbraucht zu haben, sondern sich selbst als Opfer gerieren. Es gibt Täter, die meinen, dass ihnen Unrecht geschehe, weil sie den Opfern "nur Gutes tun wollten" oder weil diese mit dem Übergriff "einverstanden waren". Die schlimmsten Täter, auch in der Kirche, sind Narzissten, denen jedes Gespür für das Unheil, das sie anderen angetan haben, fehlt. Solchen Menschen zu begegnen ist schrecklich.

Ich fürchte, es wird noch lange dauern, bis in der gesamten katholischen Kirche der Schutz von Minderjährigen wirkt. Warum? Erstens wegen der schieren Größe und Vielfalt unserer Kirche. In Wahrheit funktioniert die größte Institution der Welt mit ihren gut 1,2 Milliarden Mitgliedern in etwa 200 Ländern sehr dezentral. All die Schulen, Universitäten, Kindergärten und Waisenheime. All die kulturellen Unterschiede. Wie etwa in den asiatischen oder afrikanischen Gesellschaften das "Gesicht gewahrt" und "Autorität geehrt" werden muss, macht Aufklärung nicht leicht.

In den letzten drei Jahren habe ich 30 Länder auf vier Kontinenten besucht, war eingeladen von Bischofskonferenzen, Ordensoberen, Universitäten. Meist gab es wenig Vorwissen zum Thema Missbrauch, aber großes Interesse. Zuweilen auch Abwehr. Im Herbst 2012 in Budapest teilte die kirchliche Hierarchie dem Veranstalter mit, meine Vorträge sollten nur im kleinen Kreis stattfinden. Und im Juli 2015 wollte der Veranstalter in Kigali, Ruanda, nicht, dass im Titel meiner Vorträge von "sexuellem Missbrauch" die Rede war. Wie sich herausstellte, wollten die Teilnehmer jedoch genau darüber sprechen. Ähnlich erging es mir im polnischen Krakau. Und bei einer Konferenz in Mexiko-Stadt erzählten mir Priester, dass sie zwar in den USA an jährlichen Fortbildungen zur Missbrauchsprävention teilnahmen, den Sinn aber kaum verstanden. Das lag an der puritanischen Art, wie Sexualität und Emotionen verklausuliert wurden.

Wir müssen also verschiedene Sprachen sprechen, wenn wir wirksam sein wollen. Und wir müssen die typischen Widerstände einer großen Institution gegen Veränderung und gegen Kritik an ihren Repräsentanten überwinden. Die katholische Einstellung lautet oft noch: "Das lösen wir unter uns. Das können nur wir wirklich verstehen." Hinzu kommt die Unsicherheit beim Thema Sexualität und eine einseitige Vorstellung von Barmherzigkeit gegenüber Tätern. Dies sind die Wurzeln der systemischen Unfähigkeit unserer Kirche im Umgang mit sexueller Gewalt – aber auch die Gründe für das Versagen in anderen sensiblen Bereichen, etwa beim Umgang mit Geld. Alle Christen und besonders die kirchlichen Amtsträger sollten sich auf Jesus besinnen: Ihm ging es zuerst um den anderen Menschen, nicht um sich selbst und sein Wohlergehen.

Der Kampf gegen sexuellen Missbrauch wird noch lange dauern. Dabei müssen wir Abschied nehmen von der Illusion, dass bloße Regeln und Leitlinien genügen. Wir brauchen echte Umkehr: Gerechtigkeit für die Opfer und umfassende Prävention müssen gewollt sein. Sie dürfen nicht als lästig abgehakt werden, sobald die Öffentlichkeit wieder wegschaut. Alle Räume der Kirche müssen privilegierte Schutzräume sein. Warum ist es so schwer, diese Botschaft zu vermitteln? Weil es schmerzt, sich einzugestehen, wie viel Leid ausgerechnet Vertreter der Kirche den Jüngsten und Verwundbarsten angetan haben. Wie viel Widerstand herrschte, wie viel Feigheit, bloß um ein "unbeschadetes" Bild der Kirche zu erhalten.

Erst jetzt machen sich die Kirchen Osteuropas auf den Weg der Aufklärung. In Afrika und Asien kommt etwas hinzu, was wir im Westen leicht übersehen: Dort erleiden Kinder und Jugendliche vielfältigen Schmerz. Sie haben kein sauberes Trinkwasser, sie hungern, sie schuften bis zur totalen Erschöpfung, werden Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution und Krieg. In dieser Gewaltwelt ist sexueller Missbrauch kein isolierbares, einzigartiges Verbrechen, sondern Teil des umfassenden Elends der Kinder. Als ich dem Vorsitzenden der philippinischen Bischofskonferenz dazu gratulierte, dass er ein nationales Büro für Kinderschutz einrichtet, entgegnete er sofort, safeguarding of minors müsse mehr Bereiche umfassen als "nur" die Verhinderung sexueller Gewalt.

Doch auch dies sei erwähnt: Die katholische Kirche ist in vielen Ländern die einzige gesellschaftliche Institution, die sich für den Schutz der Kleinsten einsetzt. Darauf konzentriert sich seit 2012 das Centre for Child Protection. Es wurde mithilfe der Erzdiözese München und der Deutschen Bischofskonferenz nach einer dreijährigen Pilotphase in Rom angesiedelt. Das Zentrum will künftige Verantwortungsträger der Kirche dafür sensibilisieren, dass Aufarbeitung, Intervention und Prävention von Missbrauch nötig sind. Deshalb kooperieren wir auf vier Kontinenten mit Ausbildungsstätten der Kirche. Wir bieten ein E-Learning-Programm an und hoffen auf die Absolventen eines Diplomkurses, der jetzt an der Gregoriana startet. Derzeit wird in Rom auch die Ausbildungsordnung für Priesterseminare revidiert. Ich erwarte, dass "menschliche Ausbildung" und "Missbrauchsprävention" darin verankert werden.

Oft kommt es mir vor, als seien meine Arbeit und die meiner Kollegen kleine Steine, die wir in einen Ozean werfen. Wir hoffen, dass die Wellen sich ausbreiten. Das betrifft auch die Selbstreflexion der Kirche. Bis vor Kurzem gab es in der katholischen Theologie fast keine Auseinandersetzung mit Fragen, die der innerkirchliche Missbrauch aufwirft: Welche Rolle spielen Laien als "Wächter" über das kirchliche Handeln? Wie heilen wir das Trauma jener Gläubigen, die von Priestern missbraucht wurden und nun an allem zweifeln? Erst allmählich beginnen Theologen, die Realität des Missbrauchs zu reflektieren.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich als Psychotherapeut auch selbst Hilfe brauche. Natürlich. Ich bekomme sie in der Supervision, durch Freunde und sehr viele Unterstützer. Unverzichtbar ist mir das Gebet – und das Wandern in den Bergen. Ich durfte erleben, dass Betroffene sich mit der Passion Jesu identifizieren und trotz allem an Erlösung glauben. Ich weiß nicht, wie viele Menschen dazu imstande sind. Mich bestärkt, wenn die zutiefst Verletzten ins Leben zurückfinden und nicht mehr "Opfer" genannt werden wollen.

Und die Täter? Die Öffentlichkeit findet es unerträglich, wenn die schwerste Kirchenstrafe, die einen Priester treffen kann, die Entlassung aus dem Priesteramt, also die Laisierung ist. Es gibt aber noch ein anderes Problem: Die automatische Entlassung aus dem Dienst der Kirche kann das Risiko weiterer Gewalttaten erhöhen. In vielen Orden verlieren deshalb Täter zwar ihre priesterlichen Funktionen, bleiben aber in Häusern des Ordens – schließlich muss der Orden seiner Pflicht nachkommen, sie an weiterem Missbrauch zu hindern.

Und wann hört das auf? Hört das nie auf? Widerstand gegen die Aufklärung von sexuellem Missbrauch wird es immer geben. Doch davon dürfen wir uns nicht irremachen lassen. Das sind wir den Kindern schuldig – jenen, deren Leben durch Missbrauch zerstört wurde, und jenen, die sicher und glücklich aufwachsen wollen.