Ich war sechs Jahre alt, als ich zur Erfinderin wurde. Es war auf einer Geburtstagsfeier. Dort gab es alles, was es auf Kindergeburtstagen so gibt: Süßigkeiten und Chips und Schokoküsse, sodass ich mich nicht entscheiden konnte, was ich zuerst essen sollte. In einer Hand hatte ich ein Stück Schokolade, in der anderen einen Kartoffelchip und steckte einfach beides zusammen in den Mund – köstlich! Die Süße der Schokolade passte hervorragend zu der Salzigkeit der Chips. Ich wusste sofort, dass ich eine außergewöhnliche Erfindung gemacht hatte: Schokoladenchips!

Komischerweise hatte bisher noch kein Chipshersteller dieselbe Idee wie ich. Seit 30 Jahren gehe ich in jedem Supermarkt gespannt an den Süßigkeiten und dem Regal mit den Knabbereien vorbei: nichts! Das ist sehr verwunderlich. Es gibt Schokolade mit Gewürzen, Salzstückchen und Chilinote. Es gibt Brezeln, Kekse und Erdnüsse in Schokolade – aber niemand taucht Chips in Schokolade und verpackt sie in Tüten. Um sicher zu sein, dass ich auch nichts übersehen habe, rufe ich bei der Internationalen Süßwarenmesse an, die einmal im Jahr in Köln tagt: Alle Erfindungen werden hier zuerst vorgestellt. "Schokolierte Kartoffelchips? So etwas ist mir noch nie begegnet", sagt die Dame am Telefon. "Und ich arbeite hier schon sehr lange."

Alle großen Erfinder mussten für ihre Erfindung kämpfen, denke ich – und ich sollte das auch tun.

Dafür hole ich mir Verstärkung. Stefan Bartholomae ist Experte für das Erfinden von Naschereien. An einer Hochschule in Berlin bringt er Studenten bei, wie man auf gute Ideen für neue Süßigkeiten kommt. Er kennt sich aus, weil er schon seit 20 Jahren in der Süßwarenindustrie arbeitet.

Ich erzähle ihm von meiner Erfindung. "Schoko-Chips? Würde niemand kaufen!", ruft er ins Telefon und lacht. Ich widerspreche ihm, schließlich habe ich recherchiert. Ich habe den Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie gefragt, wie sich der Geschmack der deutschen Nascher entwickelt hat. Und siehe da: Im Trend liegt seit zwei bis drei Jahren die Kombination von süß und salzig! Und was wäre süßer als Schokolade und salziger als Chips?

"Stimmt schon", sagt Stefan Bartholomae. Das liege daran, dass wir in einem reichen Land lebten, wo es viel zu essen gebe und die Kunden immer etwas Neues haben wollten: immer kompliziertere Geschmäcker, einen intensiveren Kick. "Aber leider ist Ihre Erfindung viel zu ungesund."

Diesmal muss ich lachen: Sind nicht alle Süßigkeiten ungesund? Natürlich, sagt der Süßigkeitenexperte. "Neue Produkte wenden meistens einen Trick an: Sie tun so, als seien sie nicht so ungesund wie die anderen Süßigkeiten." Weil sie zum Beispiel mit Joghurt gefüllt sind oder kleinen Fruchtstückchen. In der Werbung wird dann gesagt, es handle sich um einen leichten Snack für zwischendurch. "Im Prinzip weiß der Kunde, dass das nicht stimmt", sagt Bartholomae. Aber der Trick klappt trotzdem: Wenn man Lust auf etwas Süßes hat und gleichzeitig weiß, dass das nicht gut für einen ist, greift man sicherheitshalber zu einer Nascherei, die angeblich ein bisschen gesünder ist als die anderen.

Mir ist bei meinen Streifzügen durch die Supermärkte aufgefallen, dass auch die Chips immer öfter weniger Fett oder weniger Kalorien haben. Sie sind deswegen noch lange nicht gesund. Aber die Leute kaufen sie trotzdem und freuen sich, dass sie kein schlechtes Gewissen haben müssen. Meine Schoko-Chips, das muss ich allerdings zugeben, ließen sich beim besten Willen nicht als "leichter Snack" verkaufen.

Ich verstehe jetzt, dass es nicht nur auf den Geschmack ankommt. Man braucht auch eine gute Ausrede, warum die Nascherei gar nicht so ungesund sei. "Und außerdem muss sie billig sein", sagt Stefan Bartholomae dann auch noch. Die Deutschen äßen im Jahr zwar durchschnittlich etwa zehn Kilogramm Schokolade, viel ausgeben wollten sie dafür aber nicht. Deshalb gebe es auch so viele Vollmilch-Haselnuss-Sorten und kaum welche mit Pistazien, erklärt der Süßigkeitenexperte: Pistazien sind viel teurer als Haselnüsse.

Warum ist es so kompliziert, eine neue Nascherei zu erfinden, wenn doch die Leute angeblich immer etwas Neues wollen? Ich verliere langsam den Mut. Das Süßigkeitenerfinden ist schwieriger als gedacht.

Herr Bartholomae tröstet mich: Von allen neuen Süßigkeiten, die in großen Firmen erfunden werden, komme höchstens jede hundertste in die engere Wahl. Dann laden spezielle Forschungsinstitute Testesser zum Probieren ein. Wenn die von der Kreation begeistert sind, kommt das Produkt womöglich ins Geschäft. Aber oft nur für kurze Zeit, denn meistens verlieren die Kunden bald das Interesse, und die Produktion wird wieder eingestellt.

Das bedeutet: Die allermeisten Süßigkeiten, die erfunden wurden, lernen wir niemals kennen. Meine Schoko-Chips sind also in guter Gesellschaft anderer vergessener Köstlichkeiten.

Ich beschließe, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich schmelze Schokolade in einem Topf, tauche Chips hinein und lasse das Ganze auf der Fensterbank fest werden. Das Ergebnis schmeckt wie erwartet: himmlisch! Leider ist die Herstellung sehr umständlich. Aber meine Schoko-Chips sind ja auch nicht dazu da, sie in wenigen Minuten wegzufressen. Auch das hat mir Stefan Bartholomae erklärt: "Süßigkeiten sind kein normales Essen. Sondern etwas für besondere Gelegenheiten."