Viele Jugendbücher handeln von Menschen, die noch alles vor sich haben, denen die Welt offensteht und die sich auf dem Weg ans Ziel vielleicht das ein oder andere Mal verlaufen, aber am Ende doch wohlbehalten ankommen. In diesem Jugendbuch ist das anders. Die Welt ist den Hauptfiguren am Ende erst einmal verschlossen.

Rose und Michael sind seit Kurzem ein Paar und haben ungeschützten Sex. Rose erzählt ihrer Freundin, Michael seinem Bruder davon, und beide Vertraute raten dringend, in Zukunft zu verhüten. Doch Rose und Michael vergessen es irgendwie schon wieder. Es ist das einzige Mal in der Geschichte, dass die beiden nicht auf das hören, was ihre Umwelt für richtig hält. Und es ist gleich der Anfang vom Ende. Weil Michael eine Apfelsine gegessen hat, sind seine Hände ganz klebrig von ihrem Saft, und unter seinen Fingernägeln hat er die weiße Haut, die er von der Frucht abgepult hat. Die Apfelsine ist ein Symbol der Fruchtbarkeit und des Lebens. In diesem Buch wird der Frucht dieser Liebe das Leben wieder genommen: Gut 200 Seiten weiter hat Michael Dreck unter den Fingernägeln und für sein eigenes Kind ein Grab gegraben.

Dianne Touchells Roman handelt also von einer Kindsmörderin und ihrem Freund, und er ist über weite Strecken atemberaubend. Weil er ein uraltes Thema ins Heute übersetzt, indem er schnörkellos von der Welt in der australischen Pampa erzählt, die Rose in die wahnhafte Vorstellung treibt, sie müsse die Umstände einfach verleugnen, wie hier immer alle alles verleugnen. Es ist eine Welt, in der die Familien noch in die Kirche gehen, man vor dem Essen betet und in der von einem Mädchen, das als Teenager ein Kind bekommt, als "Schlampe" gesprochen wird, die sich ihr Leben versaut habe. Verantwortung übernehmen in dieser Welt alle nur für den Schein, der mit aller Macht aufrechterhalten werden muss.

Rose wird also schwanger und macht erst, nachdem sie zwei Monate überfällig ist, einen Test. Den muss ihr ihre einzige wirkliche Freundin Liv besorgen, weil Rose sich nicht traut. "Liv" bedeutet übrigens Leben, und so ist Liv, die als "Schulmatratze" gilt, weil sie angeblich schon mit jedem Jungen mal was hatte, tatsächlich der einzige Mensch weit und breit, der den Tatsachen ins Auge blickt. Liv sagt Rose, dass sie dringend zum Frauenarzt muss, wenn sie noch rechtzeitig abtreiben will. Aber Rose hat keinen Frauenarzt, und zum Hausarzt ist sie bislang immer mit ihrer Mutter gegangen. Also fängt Rose an zu rauchen und zu hungern, um das "Virus" in ihr drin wieder loszuwerden und in der Zwischenzeit nur ja nicht zuzunehmen.

Ungeheuer dicht beschreibt Touchell das Drama, das sich da anbahnt, und sie findet eindringliche Bilder für die Teilnahmslosigkeit der Umwelt auf der einen Seite und die Macht der sozialen Kontrolle auf der anderen. Da ist etwa vor drei Jahren mal eine Frau einfach spurlos verschwunden. Die Menschen vermuten, dass sie ermordet und in einem Stück Buschland an der Hauptstraße vergraben wurde. Mehr oder minder gedankenverloren kommt man hier jeden Tag vorbei. Das Leben hinter der Kulisse der Anständigkeit bahnt sich derweil in Form von allerlei Flüssigkeiten den Weg: Sperma, Urin, Schweiß, Erbrochenes, Schleim, Rotz, Blut und am Ende Muttermilch, alles kommt heraus aus den Menschen, nur die Worte, die alles retten könnten, sie wollen einfach nicht nach draußen.

Rose entfernt sich von Liv, die als Einzige außer Michael Bescheid weiß. Michael selbst ahnt, dass er sich schuldig macht, indem er Roses Spiel mitspielt, aber die Wahrheit bringt er nicht über die Lippen. Mehr mechanisch als melancholisch sagt er immer wieder, dass er Rose liebe. Begonnen hat diese Liebe übrigens bei einer Theatervorstellung. Michael sah Rose, die eigentlich gern Schauspielerin werden möchte, auf der Bühne, und sie war hinreißend. Und auch dieses neue Schauspiel, dass gar nichts los sei, gelingt ihr ganz vorzüglich. Doch ist das ihre Schuld? Ja und nein, so wie es in der Literatur bei so vielen Frauen, die ihr Kind töten, gewesen ist.

Dianne Touchells Roman klagt nicht an, er verurteilt nicht, er erzählt einfach nur eine alte Geschichte, die doch noch lange nicht veraltet ist. Ein schwangerer Teenager weiß sich am Ende nicht anders zu helfen, als sein Kind zu töten. Man muss nicht bis nach Australien schauen, um zu sehen, dass dieses Thema auch heute noch relevant ist. Aber wenn man dieses dichte, an einigen Stellen etwas gedankenlos übersetzte Buch ("Tim dachte schnell nach") liest, kann man besser verstehen, warum es auch heute noch nicht selbstverständlich ist, dass Jugendliche mit ihren Eltern, Lehrern oder zumindest untereinander über Sex und Scham und Angst und Zukunft offen sprechen können. Dass eine Teenager-Schwangerschaft auch heute noch oft genug ein Stigma ist.

Und so kann man es zwar beim Lesen nicht fassen, und doch ist es vollkommen einleuchtend, dass da zwei junge Menschen, die eigentlich alles noch vor sich haben, sich wirklich alles verbauen, einfach weil sie hier und heute der Wahrheit nicht ins Auge blicken wollen – oder es nicht können.

Rose bekommt ihr Kind im Badezimmer; als Michael endlich bei ihr ist, lebt es schon nicht mehr. Michael schrubbt die Fliesen, und als alle äußeren Spuren beseitigt sind, vergraben die beiden das Baby in dem Gebiet an der Hauptstraße, in dem man die seit Langem verschwundene Frau vermutet.

Rose ist für ein paar Tage bettlägerig und wird von ihrer Mutter gepflegt, die glaubt, ihre Tochter kuriere ein Virus aus. Rose bekommt Blumen nach Hause geschickt, wie normalerweise Frauen, die gerade entbunden haben. Die ganze Schule nimmt Anteil an ihrem vermeintlichen Leiden. Und Rose lässt sich das gefallen. Noch als bekannt wird, dass im Busch eine Leiche gefunden wurde, ist sie sich sicher, dass es sich dabei um die andere handeln muss, um die seit Jahren verschwundene Frau. Und als die Polizei schließlich beide, Michael und Rose, mitgenommen hat, kennt Tim, Michaels Bruder, nur einen Namen für Rose: "Schlampe".

Dianne Touchell: Kleiner Wahn. Ab 14 Jahren; aus dem Englischen von Birgit Schmitz; Königskinder Verlag 2015; 272 S., 15,99 €

Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 19. November stellte Radio Bremen das Buch um 15.20 Uhr bei Funkhaus Europa vor. Das Gespräch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/luchs