Lieber Benoît,

um mich herum zischt, klirrt und klappert es, die Küche summt in Betriebsamkeit. Wir machen die Mise en Place fertig, sind bei den letzten Vorbereitungen für den Mittagsservice, wenn die Gäste kommen, um Deine Kreationen zu essen: mit Colombard lackierte Foie gras, versilberte Karden mit schwarzen Trüffeln aus der Provence, Steinbutt aus La Rochelle, Deiner Heimatstadt. Am Sonntag fand man Dich tot in Eurer Wohnung, am Montag haben wir Ruhetag, heute arbeiten wir schon wieder, in tiefer Trauer, aber hoch konzentriert. Du hättest es so gewollt. Wir werden nur am Freitagmittag schließen, wenn Deine Beerdigung ist. Ich habe vier Jahre lang für Dich und mit Dir gearbeitet, nach meiner Zeit bei Jérôme Mamet und Michel Troigros wollte ich unbedingt zu Dir, Du galtest als Ausnahmetalent, im Dezember wurdest Du von La Liste zum besten Koch der Welt gewählt. Du hast gesagt, dass Dich das auch für Dein Team, für uns, so freut. Wir waren Dir wichtig, jeden Tag um Punkt acht hast Du jeden von uns mit Handschlag begrüßt, Dich jede Nacht mit Handschlag verabschiedet und Dich bei jedem bedankt, vom Souschef bis zum kleinsten Commis. Du warst ein Vertreter dieser neuen Generation von Köchen, die daran glauben, dass mit Ermutigung und Lob viel mehr und Besseres erreicht wird als mit dem küchentypischen Angstregime. Du warst intelligent, gerecht und liebenswürdig. Du warst gelassen, heiter, hast immer gelächelt. Hast uns motiviert, hast Deine Begeisterung für das Essen auf uns übertragen. Du warst der beste Mentor, den man sich vorstellen kann. Als ich letzte Woche zur Schweiz-Ausscheidung für den Bocuse d’Or angetreten bin, der Weltmeisterschaft der Köche, hast Du mich bei den Vorbereitungen beraten und meine Gerichte probiert. Am wichtigsten war aber die psychische Unterstützung. Du hast mir gesagt: Genieße den Wettbewerb, genieße jeden Moment. Du hast an mich geglaubt, damit konnte ich selbst an mich glauben.

Ich habe gewonnen. Du hast vor ein paar Tagen gesagt, wie stolz Dich das gemacht hat. Ich bin stolz und dankbar, Dein Schüler gewesen zu sein.

Dein
Filipe

Filipe Fonseca Pinheiro, 26, ist Chef de Partie im Schweizer Restaurant Hôtel de Ville, das Benoît Violier leitete. Violier nahm sich am 31. Januar das Leben.