* 1. 4. 1928 – † 29. 1. 2016

Dass große Worte nach dem Tod von Jacques Rivette einerseits angemessen sind und doch so gar nicht greifen wollen, hängt mit dem wunderbaren Paradox zusammen, für das dieser Regisseur stand: Jacques Rivettes Größe lag ja gerade darin, dass er sich nicht für das vermeintlich Große, den Überbau oder die Botschaft eines Films interessierte. Über sechs Jahrzehnte hinweg versuchte er, auf der Leinwand einen Zustand der Unschuld wiederherzustellen: den Zauber und die Magie des frühen Kinos. Und das Staunen des Zuschauers darüber, dass es eine Maschine gibt, die die Wirklichkeit wiedergeben kann.

Was sein Kino ausmacht, ist das seltsam glamouröse Licht der Stadt Paris. Es sind die purpurnen Farben. Eine Tonspur, die den Wind und jedes einzelne Blatt im Park zum Sprechen bringt. Oder das Schattenspiel auf dem Körper der jungen Frau (Emanuelle Béart), das sich in Die schöne Querulantin (1984) an den Wänden des Ateliers fortsetzt, während der Maler (Michel Piccoli) vergeblich versucht, die Linien ihres Körpers zu Papier zu bringen.

Es war die Pariser Cinemathèque, die Rivette Ende der fünfziger Jahre die Werke des Stummfilmregisseurs David Wark Griffith und anderer vergessener Meister entdecken ließ – gemeinsam mit einer Handvoll Komplizen. Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Eric Rohmer, François Truffaut und Jacques Rivette sprachen über Kino, schrieben über Kino, halfen einander bei ihren ersten Projekten und wurden als Nouvelle Vague zur einflussreichsten Regiebewegung der Kinogeschichte. "In unserer Bande von Fanatikern war Rivette der Fanatischste", schrieb Truffaut.

Fanatisch war Rivette in seinem Bestreben, zu einer Sinnlichkeit und Klarheit der Bilder zu finden, indem er sie von der Last des Bedeutenmüssens befreite. Seine Filme kreisen um Verschwörungen, die sich in Luft auflösen, Intrigen, die sich als haltlos erweisen, Geheimnisse, deren Auflösung niemand ernsthaft betreibt. Spannung erzeugt Rivette, indem er einfach nur ihre Zeichen benutzt: Revolver, geheime Briefe, mysteriöse Gestalten, Spielhöllen, Geheimbünde. Jacques Rivette ist der Illusionist, der sich für seine eigenen Tricks nur so lange interessiert, bis sie unsere Aufmerksamkeit bannen, unsere Wahrnehmung verschieben und auf etwas anderes, Elementares lenken. So wie ein Traum, in dem alles vertraut wirkt und doch anders ist. "Im Grunde ist das Kino wie die anderen Künste. Die Leute wussten, dass sich die Blätter im Wind bewegen. Ganz plötzlich können sie es sehen", schreibt Rivette. Den Prozess des Sehenmachens, die Entstehung der Repräsentation aus ihren einzelnen Elementen, setzte er immer wieder mit anderen Künsten in Szene: als Theaterkurs (Die Viererbande), als Ateliersitzung (Die schöne Querulantin) oder als Kinderspiel, das die Wirklichkeit nachbildet (Le Pont du Nord).

Politisch sind Rivettes Filme auf indirekte Weise, indem sie für die Freiheit und für eine Moral und Haltung der Bilder stehen. In seinem berühmten Text über Capo, einen KZ-Film des italienischen Regisseurs Gillo Pontecorvo, kann man nachlesen, mit welch stolzer Verachtung Rivette einen Regisseur straft, der glaubt, sich an dieser Haltung vorbeimogeln zu können. Und in seinem neunstündigen Film Out 1 – Noli me tangere, einer Zelluloid gewordenen Utopie, mündet die Rivettsche Wahrnehmungsverschiebung auch in ein politisches Lebensgefühl – das der Stadt Paris zu Beginn der siebziger Jahre. Junge Menschen proben experimentelle Theaterszenen, trinken, flanieren, lieben, diskutieren an Bistrotischen, und der junge Jean-Pierre Léaud zieht als vermeintlich taubstummer Störenfried mit der Mundharmonika durch Cafés.

Es verwundert nicht, dass Jacques Rivette mit seiner tiefen Verbindung zu den elementaren, träumerischen Urgründen des Kinos auch im wirklichen Leben ein Traumwandler war. Bulle Ogier, die in Die Viererbande die geheimnisvolle Schauspiellehrerin spielt, erzählte einmal, dass nicht einmal seine engsten Mitarbeiter wüssten, wo er eigentlich wohne, geschweige denn, wie er lebe. Nur in einem Kino in Paris sehe man ihn hin und wieder, allein.

Sein Einzelgängertum verband Jacques Rivette mit den Katzen, die er so gern durch seine Filmen tapsen ließ. In einer unendlich schönen Szene in Die Geschichte von Marie und Julien erkundet die Katze eines Uhrmachers mit vorsichtigen Schritten einen alten Chronometer. Manchmal sitzt das Tier regungslos auf dem Küchentisch und schaut den Menschen bei ihrem merkwürdigen Treiben zu. Vielleicht war Jacques Rivette wie diese Katze. Auch er konnte oder wollte die Verschwörung des Lebens nicht durchschauen und schlich doch mit ungeheurer Grazie in ihr herum. Am vergangenen Freitag ist Jacques Rivette im Alter von 87 Jahren in Paris gestorben.