DIE ZEIT: Herr Hitzlsperger, die Spieler des FC Bayern sind zum Start der Rückrunde noch nicht annähernd in jener überragenden Verfassung des vergangenen Jahres. Könnte das mit dem verkündeten Abschied Pep Guardiolas zum Saisonende zusammenhängen?

Thomas Hitzlsperger: Abschiede wirken sich jedes Mal anders auf die Mannschaft aus. 2013 musste Jupp Heynckes für Pep Guardiola weichen, erinnern Sie sich? Damals setzte die Abschiedsstimmung unerwartete Kräfte bei den Spielern frei, sie gewannen das Triple.

ZEIT: Wird der FC Bayern im Falle einsetzender Kritik bis zum Ende zu Guardiola stehen, wohl wissend, dass er in der nächsten Saison von Carlo Ancelotti ersetzt wird?

Hitzlsperger: Es wäre paradox, wenn die Vereinsführung Guardiola in den verbleibenden vier Monaten öffentlich kritisieren oder erziehen wollte. Ein demontierter Trainer kann der Mannschaft nicht helfen ...

ZEIT: ... auch nicht, wenn herauskommt – wie in der vergangenen Woche geschehen –, dass Guardiola seine Profis vor Mitspielern wegen ihres angeblich zu hohen Gewichtes kritisiert, sie also lächerlich macht?

Hitzlsperger: Ich bleibe dabei: Ein demontierter Trainer kann der Mannschaft nicht helfen.

ZEIT: Haben Sie in Ihrer Zeit als Profi das ein oder andere Mal gegen einen Trainer gespielt?

Hitzlsperger: Die Antwort auf so eine Frage bekommen Sie frühestens in 30 Jahren.

ZEIT: Will man als Spieler die Champions League nur für sich – oder auch für den Trainer gewinnen?

Hitzlsperger: Da gibt es noch etwas Drittes, Entscheidendes: den FC Bayern und seine Fans.

ZEIT: Die Spieler performen für die Fans, ist das Ihr Ernst?

Hitzlsperger: Fußballer spielen niemals nur für eine Person, egal, wie einzigartig der Trainer ist. Sie spielen für ihre Mannschaftskameraden, für ein Mitglied der Familie oder einen Journalisten. Das kann man nicht auseinanderdividieren. Den größten Einfluss haben der Verein und die Fans. Denn deren Zuneigung ist auf Dauer überlebenswichtig.

ZEIT: Was würden Sie einem Spieler wie Mario Götze raten, der bisher kein klares Signal bekommen hat, ob der Verein weiter mit ihm rechnet?

Hitzlsperger: Vergessen Sie mal für eine Sekunde die vorgefertigten Statements von Spielern in dieser Situation nach Spielende, Floskeln wie: "Nur auf sich und vor allem nach vorne schauen, von Spiel zu Spiel denken, sich durch konstante Trainingsleistung empfehlen, auf seine Chance warten." Spieler müssen für sich selbst wissen, was und wohin sie wollen, dürfen nicht auf ein spezielles Signal, auf Fanfarenklänge oder den großen Bahnhof warten. Sie müssen die Summe der Kritiken interpretieren und eine Entscheidung treffen. Als Spieler darf man kein Getriebener sein, sonst ist man verloren. Das gilt auch für Mario Götze.

ZEIT: Kennen Sie aus Ihrer Spielerkarriere ähnliche Situationen des Stillstands, in denen Sie nicht mehr wussten, wie es weitergehen wird?

Hitzlsperger: So eine Hängepartie erlebt man eher selten – dazu wird im Verein und in den Medien viel zu viel geredet und kommentiert.

ZEIT: Welchen Grund gibt es für Bayern-Spieler wie Arjen Robben, die vom Trainer auf die Bank gesetzt werden, sich noch mal anzustrengen – mit der Gewissheit, dass ohnehin ein neuer Trainer kommen wird, der möglicherweise auf ganz andere Qualifikationen setzen könnte?

Hitzlsperger: Es gibt nur einen tatsächlichen Grund: die Selbstachtung des Profis. Trotzreaktionen sind verpönt. Und offene Rebellion wäre nur gerechtfertigt, wenn es um offenkundige, grobe Verstöße gegen geschriebene oder auch ungeschriebene Gesetze geht. Glauben Sie mir, die Profis wissen doch genau, dass der Trainer mit jeder seiner Entscheidungen unter öffentlicher Kontrolle steht.

ZEIT: Diese hat gerade wieder zugeschlagen. Im Kicker wurde enthüllt, dass die Spieler des FC Bayern sich auch an freien Tagen ihre Termine genehmigen lassen müssen. Ist Guardiola einfach ein Leistungsfanatiker oder ein Kontrollfreak?

Hitzlsperger: Man kann sagen: Pep Guardiola kennt seine Pappenheimer. Er weiß sehr genau, dass sich manche Spieler an den spiel- und trainingsfreien Tagen besonders ausufernd engagieren. Die treten dann abgekämpft und ausgebrannt an. Ein guter Trainer baut vor. Erholungszeiten sind für den Profi nicht einfach "freie" Tage.