"Die Mutter der Wahrheit und der Gerechtigkeit ist die Zeit", sagt Wolfgang Nešković, "leider gilt Gerechtigkeit zurzeit als Ware." Sein Fazit nach 27 Jahren im Richteramt und acht weiteren im Bundestag ist ernüchternd: "Wahrnehmung und Selbstverständnis der Justiz haben sich zum Schlechteren gewandelt; sie ist nicht länger Erforscherin von Geist und Gesetz, sondern Fabrikantin eines Massenprodukts namens Recht. Oft geht Geschwindigkeit vor Gerechtigkeit, denn sie bestimmt immer stärker Ein- und Aufstiegschancen der Richter." Nešković’ Urteil hat Gewicht: Als früherer Bundesrichter und späteres Mitglied jener Ausschüsse, die über Berufungen zum Bundesgerichtshof und Bundesverfassungsgericht befinden, lernte er die Beförderungskriterien der Justiz von beiden Seiten des Schreibtischs aus kennen.

Das Effizienzdiktat entspricht dem Zeitgeist und hat die Messbarkeit auf seiner Seite. Die Zahl der jährlichen Entscheidungen eines Richters lässt sich problemlos erheben, die Qualität dieser Entscheidungen hingegen nur mühevoll und näherungsweise. Den Laien kümmert das nicht weiter: Kriegt er recht, ist ihm vom durchdachtesten Urteil bis zum Münzwurf alles billig, verliert er aber, wähnt er sich in einem Unrechtssystem. Ob eine Entscheidung richtig und gerecht ist, und wie viel richtiger und gerechter sie mit mehr Sorgfalt hätte werden können, kann er mangels Fachkunde gar nicht erkennen. Allerdings bleibt nach einer Niederlage oft das dumpfe Gefühl, nicht ernst genommen worden zu sein. Setzt es sich durch, folgt Populismus nach Art des Ex-Ministers Norbert Blüm, der mit seinem Bestseller Einspruch! gegen die "Willkür" der Justiz polemisiert.

Weil der "Kunde" es nicht gleich merkt, kann am Personal der Justiz viel leichter gespart werden als bei anderen Dienstleistern. Striche etwa die Deutsche Bahn ihre Lokführerstellen um 30 Prozent, wären die Ursache (Personalmangel), die Wirkung (Züge fallen aus) und ihr Zusammenhang für den dümmsten ohne Weiteres durchschaubar. Doch anders als beim Lokführer, der den Zug nicht einfach 30 Prozent schneller durch die Landschaft jagen darf, kann der Richter durchaus 30 Prozent schneller entscheiden. Ähnlich wie bei Journalisten, Ärzten und anderen, deren Arbeit besser oder schlechter, gründlicher oder zügiger erledigt werden kann, bietet sich ihm ein weiter Spielraum. Doch anders als bei den Genannten, die auf schlechten Texten sitzen bleiben oder bei falschen Diagnosen in ein leeres Wartezimmer blicken, fehlt dem Richter der Markt als Korrektiv. Er kann für gründlichere Urteile kein Honorar verlangen und auch kein Konkurrenzgericht an der Ecke aufmachen. Das hat naheliegende und überzeugende Gründe, doch die Entkopplung der Nachfrage des Bürgers vom Angebot des Staates bringt auch Probleme mit sich.

Am oberen Ende der Streitwerttabelle führt sie zur Flucht in private Alternativen: Großkonzerne fügen ihren Verträgen häufig eine Klausel an, wonach mögliche spätere Konflikte nicht durch staatliche Gerichte beizulegen seien, sondern durch mit Top-Juristen besetzte Schiedsgerichte. Die übrigen 99,99 Prozent der Fälle, in denen so ein Vorgehen weder praktikabel noch bezahlbar ist, fallen der Justiz anheim. Ihre Zahl ist seit dem Jahr 2000 zwar gesunken, doch ihre Komplexität ist gestiegen. "Besonders einfach gelagerte Sachverhalte werden inzwischen häufig durch Schlichtungsstellen erledigt und fallen aus der Statistik. Die verbleibenden Streitigkeiten spiegeln dafür umso mehr die steigende Komplexität jener Welt, die sie hervorbringt. Entsprechend aufwendig sind sie zu lösen", sagt Ruben Franzen von der Neuen Richtervereinigung. Auch deshalb ist die Zahl der oft hoch spezialisierten Rechtsanwälte in den vergangenen 16 Jahren von etwa 100.000 auf 160.000 gewachsen. Da die Anzahl der Richter und Staatsanwälte mit 20.000 und 5.000 Personen im selben Zeitraum unverändert blieb, ist es wenig verblüffend, dass bei einer Umfrage im Jahr 2014 mehr als zwei Drittel erklärten, sie hätten zu wenig Zeit für die Bearbeitung ihrer Fälle. 72 Prozent der Befragten fanden, die Rahmenbedingungen für gute Rechtsprechung hätten sich verschlechtert.

Für die Justizminister, die diese Rahmenbedingungen gemeinsam mit den Parlamenten herstellen, ist das offenbar kein Grund zur Sorge. Die Personalfrage haben sie ohnehin ausgelagert, namentlich an die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, die hierzu 2005 das Personalbedarfsberechnungssystem "Pebb§y" (sprich: Pebbsi) schuf. Mittels der von Pebb§y bestimmten Durchschnittsdauer einzelner Verfahrenstypen – 35 Minuten für einen Strafbefehl am Amtsgericht, 443 Minuten für eine Mietstreitigkeit am Landgericht – und einer Schätzung der Neueingänge wird das Kontingent an Richterstellen festgelegt. Da die Kalkulation darauf abzielt, den Status quo zu wahren, enttäuscht sie natürlich jeden, der mit ihm unzufrieden ist. Hinter den von Pebb§y errechneten Stellen bleiben Bund und Länder zudem meist mehrere Prozentpunkte zurück – teils zur Schonung des Haushalts (Richter und Staatsanwälte schlagen mit 1,5 Prozent zu Buche), teils weil es an geeigneten Bewerbern fehlt, seit die Arbeitszeiten bei Gericht sich den mörderischen Verhältnissen der Großkanzleien nähern, während die Gehälter sich auseinanderentwickeln.

Wer dennoch den Richterdienst wählt, lernt in der (bis zu fünfjährigen) Probezeit gleich zwei der wichtigsten Begriffe kennen: "Arbeitsverdichtung" und "Entscheidungsfreude". Viel Freude machen ihre Entscheidungen den Richtern allerdings nicht: Die hinter vorgehaltener Hand geäußerten Klagen über das Abwägen von Erfolg und Ethik sind ohne Zahl. Mehrfach wurden in den letzten Jahren Brandbriefe von Richtern veröffentlicht, von denen einige sogar ihr Amt niedergelegt hatten: Die Parteien würden in Vergleiche gedrängt, Haftstrafen weggedealt, lästige Vorträge ohne Ankündigung als "unsubstanziiert" abgetan, fremde Urteile zu (vermeintlich) identischen Konstellationen ungeprüft übernommen, von Amts wegen gebotene Ermittlungen unterlassen, und auch sonst werde an der Qualität gespart. Andernfalls sei das Soll kaum zu erreichen.

Gelegentlich gerät ein derart "effizient verdichtetes" Verfahren in den Blick der Medien, es folgt die ritualisierte Bestürzung: Wie konnte die Justiz einen Gustl Mollath, Ulvi Kulac oder Harry Wörz so offenkundig grundlos wegsperren? Wie kann es sein, dass Manager erfolgreich mit Prozessverschleppung drohen, um knappe Geständnisse gegen milde Strafen zu tauschen, oder dem Staat die Anklage für teures Geld gleich ganz abkaufen? Und wann dürfen wir die nächste Sondersendung über jugendliche Intensivtäter erwarten, die zwanzig oder mehr ermittelte Delikte ansammeln, bevor sich die Justiz zur ersten Verurteilung aufrafft?