Dass Mädchen so gerne Prinzessinnen sein wollen, gilt als beklagenswerter Zustand. Aber wieso eigentlich? Ist doch ein toller Job: Prinzessin. Also jetzt nicht im Sinne des schönen Burgfräuleins, das dem Prinzen ein Kind gebären muss, um die Familienlinie weiterzuführen. Aber metaphorisch übertragen ins moderne bürgerliche Leben: Prinzessinnen sind die Privilegierten aus der zweiten Reihe, die sich von uns, dem Pöbel, unterscheiden, uns aber auch nicht regieren oder repräsentieren müssen. Null politische Verantwortung, aber trotzdem einen Hofstaat zu Füßen und einen unveräußerlichen Glanz im Rücken.

Was uns dann zu Rihanna bringt, dem besten Superpopstar der Gegenwart. Sie ist die Kronprinzessin des Pop, steht also in der offiziellen Rangfolge hinter der ewigen Königin Beyoncé. Nur: Wer will schon Beyoncés anstrengenden Job haben? Ständig gleichzeitig R ’n’ B-Queen, Gralshüterin des Soul und Feminismus-Leitfigur sein, puh! Präsidiale Langeweile droht. Rihanna hingegen, geboren auf Barbados, knapp sieben Jahre jünger als Beyoncé, war immer cooler, eher der Star für die gezierten, schwer zurechtgemachten Mädchen mit den Creolen-Ohrringen, die in der Innenstadt vor dem Apple Store stehen, den Freundinnen was auf ihren Smartphones zeigen und "Verreck doch" zueinander sagen, was sie natürlich nicht so meinen. Sie sind ja auch, von der Haltung her, Prinzessinnen. Wie ihr Vorbild.

Was man mit solchen Prinzesinnenfreiheiten alles anstellen kann, zeigt Rihanna jetzt endlich auf ihrem neuen, achten Album Anti. Schon der erste Song: knarzend-unsauberer Drumcomputer-Sound, wie trockenes Stroh. Man hält das anfangs nur für einen lustigen Effekt, der sich bestimmt gleich in das bekannte gesättigte Dröhnen des Blockbusterpop auflöst. Aber nichts da, es scheppert bis zum Ende, das auch viel schneller kommt, als man erwartet. Anti klingt erst einmal nach einem Durcheinander von Liedern mittlerer Geschwindigkeit, manche haben keine Refrains, andere gleich zwei wechselnde. Nichts davon kann man sich im Normalo-Radio vorstellen, wo es dann gespielt wird, bis es sich schmerzhaft-schön in den Kopf bohrt wie die Rihanna-Singles bisher. Ein hitloses Album! Von Rihanna! Der Künstlerin, die nach Mariah Carey die meisten Nummer-eins-Songs der US-Musikgeschichte hatte!

Dafür gibt es hier aber so etwas wie Antihits im besten Sinne: Kiss it better mit einem Soft-Metal-Gitarrenriff aus den Achtzigern, also so ungefähr den momentan uncoolsten Sound der Popmusik, der einen gerade deshalb sofort in den Bann schlägt. Oder, noch besser, Higher, ein intimer Bar-Gesangsvortrag, wie ihn nur eine Aristokratin kann, die sich noch danebenbenehmen darf, bevor sie irgendwann auf den Thron muss. "This whiskey got me feelin pretty", singt Rihanna zu Camp-Violine und Klavier, es ist spät geworden dort, wo sie sich herumtreibt, und die Instrumente klingen, als sei der Bourbon da auch schon reingelaufen. Also entschuldige bitte, erklärt Rihanna, wenn ich unhöflich bin, "I just really need your ass with me", und das neulich Nacht tut mir leid. Und dann singt sie "You take me higher, higher", und je höher Rihannas Stimme geht, umso mehr hört man den Whiskey, die Unhöflichkeiten und die letzte Nacht. Wer da nicht weint, aber bei Adele schon, dem haben anderthalb Jahrzehnte Castingshows wohl doch nachhaltig geschadet.

Higher ist allerdings nur zwei Minuten lang, also auch nichts fürs Radio. Was sehr, sehr schade ist, weil die neue Rihanna mit ihren tollen hitlosen Hits genau das wäre, was dort gerade fehlt. Andererseits: Echte Prinzessinnen hören das ja eh auf scheppernden Smartphone-Lautsprechern zusammen mit ihren Freundinnen vor dem Apple Store.

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