Erinnern Sie sich noch an die Aufstände in Los Angeles 1992? Sechs Tage lang brannte South Central. Eine mehrheitlich weiße Jury hatte vier weiße Polizisten freigesprochen, die den Afroamerikaner Rodney King vor laufender Videokamera brutal zusammengeschlagen hatten. Proteste brandeten auf, schlugen um in Straßenkämpfe, der Notstand wurde ausgerufen. Nach sechs Tagen zählte man 53 Tote, zehn waren von Sicherheitskräften erschossen worden. 22 Todesfälle sind noch ungeklärt.

In Los Angeles und den USA sind die 92er riots ein bis heute fortwährendes Trauma. Das erfuhr auch der aus Colorado stammende Ryan Gattis. Während er als street artist Wände besprühte, kam er mit jenen Menschen in Kontakt, die zwanzig Jahre zuvor an den Schlachten dieser Tage beteiligt gewesen waren, darunter auch Latino-Gangster aus dem Stadtteil Lynwood. Auf ihren Berichten und zweijährigen Recherchen beruht Gattis’ Roman In den Straßen die Wut. Aus 17 einzelnen Ich-Perspektiven von Augen- und Ohrenzeugen erfahren wir, wie sie die sechs Tage vom 29. April bis zum 4. Mai 1992 erlebt haben: eine Krankenschwester, etliche Mitglieder von Big Fates Latinogang, ein Sprayer, Polizisten und Feuerwehrleute. Der Erste von ihnen, Ernesto, ein liebenswerter, freundlicher Taco-Verkäufer, der nichts mit den Gangs zu tun hat, ist gleich am Ende seines Parts tot. Wie Hektor im Trojanischen Krieg: an einen Truck angebunden zu Tode geschleift. Dieser Mord ist der Auslöser für eine der Geschichten, die das Tableau jener Tage durchziehen. Die Schwester rächt den Bruder, das erfordert wiederum einen Gegenschlag.

Es ist eine düstere Welt der Fehden, ein scharfes Bild der Zwänge und Hierarchien im Ghetto, das Gattis bis in den Slang hinein nacherlebbar macht. Alle, die in der Gang sind, stehen unter dem Diktat des Bosses. Wie schwer es ist, dem Ghetto, der Unbildung und dem Bandenzwang zu entkommen, zeigt sich in den Erzählungen derer, die, wie Krankenschwester Gloria, einem Beruf "draußen" nachgehen, aber durch Familienbande an die clica gebunden sind, oder im Bericht des 17-jährigen Sprayers FREER. Dessen Befreiungsversuche hat Gattis mit erkennbarer Sympathie wiedergegeben.

In den Straßen die Wut ist eher Dokufiction als Thriller. Die subjektive Erzählweise verhindert eine durchgehende, schlüssige Kriminalhandlung. Das ist aber ehrlicher als etwa die jüngeren Romane Walter Mosleys, in denen ein alter, erfahrener Ex-Gangster versucht, die wilden Jungen auf einen geraderen Weg zu bringen. Gattis gibt ihnen Stimme und Würde.

Ryan Gattis: In den Straßen die Wut. Aus dem Engl. von Ingo Herzke; Rowohlt Polaris; 528 S., 16,99 €