Andere Mädchen träumten davon, dass der Krieg bald enden möge – und ihre Väter, Brüder und Verehrer gesund und siegreich heimkehrten. Viktoria Savs hingegen wünschte sich im Jahr 1916 sehnlichst, selbst an vorderster Front kämpfen zu dürfen. Dabei hatte es die Schusterstochter aus Meran, Jahrgang 1899, bereits geschafft, innerhalb des k. u. k. Heeres als sogenannter Trainarbeiter beschäftigt zu werden.

Mit Maultieren brachte sie Proviant und Trinkwasser in hoch gelegene Forts bei Rovereto. Solche freiwilligen weiblichen Hilfskräfte im Rückraum der Front hat es in der österreichisch-ungarischen Armee vereinzelt gegeben. Doch Viktoria will eine richtige Soldatin werden: marschieren, schießen, töten – das ganze Programm. Ihre Geschichte wurde als Heldenmärchen für Propagandazwecke eingesetzt, bis zu ihrem Tod im Jahr 1979.

Viktoria Savs würde man heute als Transgender-Person bezeichnen. Das legen Beschreibungen nahe, und auf Fotos wirkt sie oft maskulin. Gegenüber Journalisten besteht sie später darauf, nicht mit Fräulein, sondern mit Vikerl angeredet zu werden, der Koseform von Viktor. Biologisch ist sie eine Frau, doch in ihrer Identität und ihren Emotionen sehr männlich. Und die höchste Pflicht eines Mannes ist es, für sein Land in den Krieg zu ziehen – damals gängige Ansicht.

Viktoria schreibt an den Kommandanten der Südwestfront. Und das Wunder geschieht: Ende 1916 darf sie an die vorderste Front marschieren, zur Einheit ihres Vaters, des Korporals Peter Savs. Der versieht seinen Dienst nahe den Drei Zinnen, wo der Hochgebirgskrieg mit den Italienern tobt. Anfang 1917 erscheinen in österreichischen und deutschen Zeitungen Berichte über das "Tiroler Heldenmädchen". Ein Foto von Vater und Tochter schafft es auf die Titelseite der Berliner Illustrirten. Drohend hält Viktoria ein Gewehr im Anschlag. Welche Art von Dienst sie leistet, wird nicht näher erläutert.

Der Fronteinsatz endet rasch. Ende Mai 1917 wird sie schwer verwundet: Sie verliert ihren rechten Fuß. Etwas kleinlaut und erst Wochen später berichten die Zeitungen darüber. Während eines Munitionstransports, heißt es, sei Viktoria von den Italienern beschossen worden, ein Felsblock habe sich gelöst und ihr den Fuß abgetrennt. Ein Foto zeigt sie im Lazarett, mit mehreren Orden dekoriert.

Doch der Krieg geht verloren, die Monarchie endet, das südliche Tirol wird italienisch und Österreich zum Kleinstaat. Die Frontsoldatin gerät in Vergessenheit.

Ab 1933 gibt es wieder Berichte über Viktoria Savs, in Österreich, Deutschland, sogar in Frankreich: Die Weltkriegsheldin lebe verarmt in Innsbruck, müsse ohne jede Kriegerpension auskommen und könne es sich nicht einmal leisten, ihre defekte Prothese zu ersetzen. 1934 findet sich ein Gönner, der ihr 150 Reichsmark für ein neues Holzbein spendiert: Adolf Hitler.

In den folgenden Jahren ist zu lesen, Savs sei im Ersten Weltkrieg als Frau unerkannt geblieben. Eine Kaverne der Feinde habe sie im Alleingang erstürmt und 20 Italiener gefangen genommen. Diese Mythen, der Nazi-Propaganda entsprungen, sind zählebig und überdauern den Zweiten Weltkrieg. Denn das alt gewordene Heldenmädchen tischt sie von den fünfziger bis zu den siebziger Jahren jedem auf, der sie nach ihrer Kriegszeit fragt. Die Wahrheit ist weniger spektakulär. Dafür umso düsterer.