Ja

Deutschland und Saudi-Arabien sind sich gar nicht so unähnlich: Beide Länder sind abhängig von einer altmodischen Industrie, die nebenbei noch das Klima ruiniert. Saudi-Arabien exportiert Öl. Deutschland verkauft die passenden Autos.

Klar, die Autoliebhaber unter den ZEIT-Lesern werden nun aufschreien, weil sie ihren Mercedes C63, ihren VW Phaeton oder BMW X5 nicht zum Auslaufmodell degradiert sehen wollen – Autos dienen ja nicht nur der Fortbewegung, sie wecken Gefühle und dokumentieren Status. Aber auch Liebhaber wissen, wenn sie ehrlich sind: Ja, der CO₂-Ausstoß ihrer Autos beschleunigt den Klimawandel. Und deren Feinstaub tötet Menschen.

Man kann das ignorieren und hoffen, "der Markt" sorge schon für Innovation. Irgendwann. Man könnte aber auch die echte Welt betrachten. In der handeln andere längst, mit einem klaren Ziel: Viele Regierungen wollen das Ende des Autos, wie wir es kennen. Sie fördern Fahrradfahren, öffentlichen Nahverkehr und bauen die nötige Infrastruktur für Elektroautos. Sie zahlen den Kunden Kaufprämien. Norwegen tut das und Kalifornien, China, Japan, die Niederlande und sogar Portugal. Ihnen fällt es leicht, das Neue zu fördern, weil sie keine traditionelle Automobilindustrie haben. Oder weil bei ihnen, wie in Kalifornien, eine neue entsteht. Dort investiert Apple massiv in die Elektromobilität.

Das ist gefährlich für Deutschland. Erinnert sich noch jemand an die Schreibmaschine? Die wurde hier produziert, dann gab es sie plötzlich nicht mehr, sondern nur noch Computer. Und die bauen andere. Von der Autoindustrie sind wir abhängiger, als wir es von der Schreibmaschinenindustrie jemals waren.

Es ist höchste Zeit, dass Deutschland signalisiert: Wir werden das Labor für die Autos von morgen sein. Hier lohnt es sich, Batterietechnik zu entwickeln, Apps für vernetztes Fahren und Konzepte. Wir nennen es Verkehrswende.

Gute Wirtschaftpolitik ist, wie wir wissen, zur Hälfte Psychologie. Warum also nicht die Kunden mit einer Kaufprämie locken? Das steigert die Nachfrage, die Autos werden Massenware, die nötige Infrastruktur entsteht.

Das Ganze könnte wie ein Geschenk an eine verwöhnte Branche aussehen. Aber die Regierung könnte dem Vorwurf begegnen, wenn sie im Gegenzug die Steuerbegünstigung für den Diesel streicht. Und in Brüssel die strengeren CO₂-Grenzwerte für die Flotten der Konzerne durchsetzt, statt als Lobby für dicke, alte Autos aufzutreten.

Saudi-Arabien investiert übrigens jetzt in Solarkraftwerke.

Petra Pinzler

Nein

Wollen wir es schon wieder tun? Soll der Steuerzahler den Automobilkonzernen mittels einer Kaufprämie helfen, ihre Elektroautos attraktiver zu machen? Nein! Zu lang schon ist die Liste politischer Geschenke an die deutsche Vorzeigebranche: Dienstwagenprivileg, Abwrackprämie, Steuerrabatt für Diesel. Von potenten Unternehmen wie BMW, Daimler und VW kann man schon erwarten, dass sie es allein schaffen, ihre Produkte für Käufer begehrenswert zu machen – wie alle anderen Marktteilnehmer auch.

Obwohl Elektroautos sich toll fahren und mehr als 30 E-Modelle auf dem Markt sind, entschieden sich zuletzt 99 Prozent der Neuwagenkäufer für einen Diesel oder Benziner. Die Stromer taugen noch nicht als Allround-Auto. Rund 150 Kilometer Reichweite sind zu wenig, das Aufladen dauert lang, Ladestationen sind rar. Wer sich ein Auto kauft, will flexibel sein. Er kauft sich die Freiheit, so oft und weit zu fahren, wie er will. Da hilft es wenig, den Preisabstand zu konventionellen Autos durch eine Prämie zu verringern.

Ausgewiesene Freunde der Elektromobilität, die sich einen Tesla für über 100.000 Euro oder einen BMW i3 als Drittwagen gönnen, würden die Prämie sicher gern kassieren – Mitnahmeeffekt nennt sich das.

Mithilfe von Steuermilliarden soll Deutschland zum weltweiten "Leitanbieter" bei E-Autos werden, so lautet das Argument der Autolobby und ihrer politischen Unterstützer bis hinauf zur Kanzlerin. Als ob BMW, Daimler, Audi & Co. auf die Subvention im Heimatmarkt angewiesen wären. Vier von fünf ihrer Pkw gehen in den Export. Deutsche Hersteller gehören bei E-Autos in Ländern wie den USA, Frankreich und Norwegen, wo Elektromobilität subventioniert wird, schon längst zu den Marktführern.

Und der Klimaschutz? Solange mehr als die Hälfte des deutschen Stroms aus fossilen Quellen stammt, ist ein Elektroauto in seiner Ökobilanz überhaupt nicht besser als ein sparsamer Kompaktwagen.

Wenn die Akkus auch bei kleineren und mittleren E-Autos für 300 bis 500 Kilometer reichen, wird das Elektroauto sich durchsetzen. Die Branche sagt, dass es 2020 so weit sein wird. Dass die Autobauer bis dahin ohne Subventionen nicht in die Technologie investierten, ist ein Märchen. Die Autobosse wissen genau, dass sie die Technik in allen Märkten brauchen, um zukünftig wettbewerbsfähig zu bleiben. Um dem Klimawandel und giftigen Stickoxid-Konzentrationen in unseren Städten zu begegnen, wären Tempo 130 auf Autobahnen und eine City-Maut wirksamer. Und für den Steuerzahler deutlich billiger.

Dietmar H. Lamparter