Man muss aufpassen, dass es nicht zu Ungerechtigkeitsneid kommt. Auf Menschen, die vom Glück begünstigt sind, weil sie "zu einer Zeit geboren werden, in der ein bedeutender Kampf für die menschliche Freiheit geführt wird". Das beanspruchte die Wahlrechtsaktivistin und Ur-Feministin Emmeline Pankhurst im ersten Satz ihrer Autobiografie für sich. Vor etwa hundert Jahren kämpfte sie darum, dass Frauen endlich wählen, also vollwertige Staatsbürger werden konnten. Das ist erreicht, heute besteht die Gleichheit von Frau und Mann vor dem Gesetz. Und sind Geschlechterfragen inzwischen nicht schrecklich spitzfindig geworden (siehe Gender-Gap)?

Erst wenn man einen eindrucksvollen Spielfilm wie Suffragette sieht, der jetzt zum ersten Mal die Geschichte der militanten Bewegung für das Frauenwahlrecht in Großbritannien erzählt, geht einem wieder auf, was in der Frauenbewegung auf dem Spiel stand und nach wie vor steht. Wobei es im Film der Regisseurin Sarah Gavron und der Drehbuchautorin Abi Morgan weder Revoluzzerkitsch noch Triumphalismus gibt. Und auch der Auftritt der wortgewandten bourgeoisen Anführerin Emmeline Pankhurst nimmt nur wenige Minuten ein. Eine Schlüsselszene allerdings, in der Meryl Streep als Pankhurst resolut und großzügig ihr Charisma verströmt, was sie in der Rolle unheimlich glaubwürdig wirken lässt.

Die zentrale Figur des Films ist eine fiktive Proletarierin, gespielt von Carey Mulligan. Man hat die Schauspielerin in den Männerfilmen Drive und Shame vor Augen, wo sie duldsam virile Missachtung auf sich nahm. In Suffragette kommt Zähigkeit zur Leidensfähigkeit ihrer Figuren. Hinter den stumpfen Augen, der grauen Haut der Arbeiterin einer Industriewäscherei, die Mulligan verkörpert, ahnt man die Elastizität eines Menschen, der nichts zu verlieren hat. Und zugleich alles.

Als diese Maud zu Anfang eher aus Versehen unter die Suffragetten gerät, sagt sie in einer Anhörung des Parlaments über ihre Arbeitsbedingungen: "Die Wäscherei bedeutet ein kurzes Leben für eine Frau." Die Fabrik ist ein fauchender Maschinenmoloch, ewig von Wasserdampf umwabert, der die Filmbilder beklemmend eng wirken lässt. Man denkt an Unfälle und Lungenkrankheiten. Die Frauen müssen sadistischen Chefs als Arbeitskraft zur Verfügung stehen, ihre Ehemänner knöpfen ihnen die Lohntüten ab. Einen Schutzraum haben sie als Mütter zu Hause. Aber auch da ist es dunkel und eng, wie im Bauch einer gefährlichen Welt.

Als Maud Partei für ihr Wahlrecht ergreift, wirft ihr Mann (Ben Whishaw) sie raus, gibt den kleinen Sohn zur Adoption frei. Aus dem letzten bisschen Bürgerlichkeit verbannt, lebt sie in Frauenhäusern, schläft in Kirchen. Dennoch bewegt sie sich freier, die Bilder werden heller und weiter. Den Kampf um Frauenrechte zeigt der Film aber nicht als romantische, sondern historisch korrekt als blutige Auseinandersetzung. Zu der sowieso latent lebensbedrohlichen Lage der Arbeiterinnen kommt offene Gewalt, als sie ihre Rechte einfordern. Die Polizei schlägt demonstrierende Suffragetten zusammen, man verhaftet sie und behandelt sie wie Kriminelle, nicht wie politische Gefangene. Aus Protest weigern sie sich zu essen und werden zwangsernährt. Politisch nicht repräsentiert, kein Staatsbürger vollen Rechts zu sein bedeutet genau das: eine nackte Existenz, die permanent physisch gefährdet und vom Ausschluss bedroht ist. Die Frauen der Arbeiterklasse sind dem von vornherein unmittelbarer ausgesetzt als die Bildungsbürgerinnen.

Aber auch die bürgerlichen Wortführerinnen hat Anfang des 20. Jahrhunderts die Konfrontation mit den Lebensbedingungen der Unterschicht politisiert. Emmeline Pankhurst, deren Autobiografie Suffragette. Die Geschichte meines Lebens jetzt der Steidl Verlag neu auflegt, erklärt darin, dass sie durch ihre Arbeit als Armenpflegerin und Standesbeamtin in einem Arbeiterviertel auf ihr entscheidendes Argument für das Frauenwahlrecht kam: "Ich bin überzeugt, dass die wahlberechtigten Frauen viele Wege finden werden, um den Fluch der Armut wenigstens zu verringern. Frauen haben viel pragmatischere Vorstellungen darüber, wie Armut gemildert, vor allem aber vermieden werden kann."

Wie sehr der Kampf für ein politisches Mitspracherecht von Frauen mit sozialen Ideen verbunden war, zeigt auch ein neuer Sammelband, den die Autorin Antonia Meiners zusammengestellt hat (Elisabeth Sandmann Verlag). Unter dem eher plumpen Titel Die Suffragetten. Sie wollten wählen – und wurden ausgelacht porträtiert sie deutsche, britische, amerikanische und französische Wahlrechtsaktivistinnen. Man versteht, dass es unter diesen politischen Frauen, wie in jeder ernst zu nehmenden Bewegung, Streit geben musste. Darüber, ob Frauen zuerst zu beweisen hätten, dass sie das Gleiche leisten können wie Männer. Oder ob sie erst mal die Unterdrückung hinwegsprengen müssten. Wie viel Gewalt man der Staatsgewalt entgegensetzen dürfe, ob man das System als Ganzes umstürzen und die Macht neu verteilen müsse. Das sind die Konflikte, die nach dem im Film Suffragette ausgefochtenen nackten Existenzkampf anstehen.

Mit einem Abstand von hundert Jahren zu den Ereignissen, die er bebildert, staunt man, wie bedingungslos Frauen die Verantwortung übernommen haben. Die Dialektik des Fortschritts schlägt zurück: Als müssten Frauen heute noch dankbar sein, dass man ihnen Rechte zugestanden hat, fordert man sie auf, alle möglichen Pflichten zu erfüllen – als Mutter, Politikerin, Objekt der Begierde, Arbeiterin, Konsumentin, und zwar alles gleichzeitig, ohne zu jammern. Sie sollten sich darauf nicht einlassen! Sondern mit der Energie ihrer Vorkämpferinnen von Arbeitgebern und gesellschaftlichen Institutionen Rücksicht fordern, Zeit und Platz für ein freies Leben. Zusammen mit den Männern natürlich, denn die haben ja heute vor dem Gesetz und überhaupt die gleichen Probleme.

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