Eine Flüchtlingskrise hört nicht auf, indem man die Fliehenden bekämpft, sondern indem man Fluchtursachen beseitigt. Also den Krieg in Syrien beendet, der weiterhin Tausende Menschen Richtung Deutschland treibt. Und indem man die zunehmend fragilen Nachbarländer stabilisiert. Ersteres versuchen seit Anfang der Woche der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura und sein Vermittlerteam mit einer neuen Verhandlungsrunde in Genf. Letzteres soll ab diesem Donnerstag auf einer Geberkonferenz in London erreicht werden, die von Deutschland mitorganisiert wird.

Was in Genf und London passiert oder nicht, entscheidet über das Schicksal der 22 Millionen geschundenen Syrer inner- und außerhalb ihres Landes. Es betrifft ebenso ureigenste deutsche Interessen: völkerrechtlich-humanitäre, sicherheitspolitische und ökonomische. Allerdings muss man sie deutlicher formulieren, als Berlin das tut.

Die völkerrechtlich-humanitären sind offensichtlich: Eine Flüchtlingskrise, die im europäischen Rahmen zu managen wäre, spaltet Europa und gefährdet die internationalen und deutschen Normen des Flüchtlingsschutzes. Gleichzeitig schreddern die Konfliktparteien des syrischen Bürgerkriegs, allen voran das Regime mit seinem Krieg gegen die eigene Bevölkerung, fast sämtliche Fortschritte des humanitären Völkerrechts der vergangenen Jahrzehnte. An denen hatten verschiedene deutsche Regierungen und NGOs durchaus Anteil, zum Beispiel bei der Kampagne gegen Landminen oder der Debatte um das Konzept der Schutzverantwortung (responsibility to protect).

Auch die sicherheitspolitischen Interessen scheinen zunächst offensichtlich zu sein: Priorität, so die Politiker und Experten, habe der Kampf gegen den IS. Dafür brauche man Russland und den Iran. Bloß geht es Moskau und Teheran in Syrien nicht um den IS, sondern um den Erhalt des alten Regimes – mit oder ohne Assad. Der Iran hat in Syrien interveniert, um seine Achse zur libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah und seine Drohkulisse gegenüber Israel aufrechtzuerhalten. Man muss kein Freund der aktuellen israelischen Regierung sein, um das zu verurteilen. Unvereinbar mit deutschen Interessen ist es allemal.

Weder das Nuklearabkommen noch die Aufhebung der Sanktionen werden an dieser iranischen Politik etwas ändern. Teheran schürt die antischiitischen Ressentiments unter Syriens Sunniten und spielt so dem IS in die Hände, was wiederum die Terrorgefahr im Nahen Osten wie in Europa erhöht.

Bleiben Deutschlands ökonomische Interessen. Mittelfristig dürfte die Zuwanderung junger, aufstiegsorientierter Syrer der deutschen Volkswirtschaft samt ihrer ungünstigen Alterspyramide nützen. Kurzfristig erfordert sie eine erhebliche Investition in Bildungs- und Sozialeinrichtungen.

Hinzu kommen die Ausgaben für humanitäre Hilfe. Acht Milliarden Euro waren 2015 für Syrien veranschlagt, um die Menschen im eigenen Land und die syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern mit dem Nötigsten zu versorgen. Eine winzige Summe im Vergleich zu dem, was für die Rettung der Banken ausgegeben wurde. Doch kaum die Hälfte des Geldes kam zusammen. Deutschland und einige wenige andere Länder zahlten deutlich mehr als ihren Anteil, gemessen an der Wirtschaftsleistung. Länder, die den Krieg in Syrien anheizen – allen voran Russland, der Iran, Saudi-Arabien und Katar –, gaben, wenn überhaupt, lächerliche Summen. Auch bei den Kosten für den Wiederaufbau Syriens, der irgendwann kommen wird, dürfte die internationale Gemeinschaft vor allem auf die EU schauen – und da vor allem auf die stärkste Wirtschaftsmacht.

Kurz: Berlin sieht derzeit mit an, wie andere Akteure ein Land zerstören, dessen Flüchtlinge nach Deutschland drängen – und begleicht auch noch einen überdurchschnittlich hohen Teil der Rechnung.