Man weiß, dass Til Schweiger ein didaktisches Interesse an der Öffentlichkeit hat. Er las der Facebook-Gemeinde die Leviten, erklärte dem dort meinungsaktiven Plebs, wie man sich demokratisch zu verhalten habe, in Flüchtlingsfragen und auch sonst.

Er knöpfte sich die Journalisten vor, besonders jene, die von der "craft" (Schweiger liebt den Anglizismus), das heißt: von der fachlich-konkreten Seite des Filmgeschäfts, keine, vom Zetern aber sehr viel Ahnung haben. Schweiger hat quasi im Alleingang der seiner Meinung nach politisch und kulturkritisch depravierten Szene eine Lektion erteilt: Es gibt Macher (Schweiger) und Mäkler (der Rest), und wer kein Macher ist, bitte Fresse halten.

Dieser schulmeisterliche Zugriff auf soziale und medienästhetische Probleme hat ein Pendant in Schweigers Leinwandschaffen, und man kann getrost sagen, mit Tschiller: Off Duty (Regie: Christian Alvart), der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, ist ein Lehrfilm geglückt, der Studenten auf Jahre beschäftigen wird. Schweiger studieren heißt, historiografisch zu schauen: Wer eine Nomenklatur des Baller- und Schurkenbeseitigungsfilms erstellen wollte, wäre nach Sichtung nur dieses einen Films voll im Bilde.

Was heißt das konkret?

1. Die Bösen. Erst einmal: Es gibt Böse. Ambivalenz, moralische Grauzonen – auf keinen Fall, wir sind hier nicht im französischen Autorenfilm (oder bei Derrick, der sich in klassenethischen Fragen komplexe Einlassungen erlaubte). Die Verbrecher sind in ihrer Bosheit eindeutig wie ein Pegida-Pamphlet, das zeigt sich schon in ihrer Garderobe. Hier wäre der kitschweiße Sommeranzug, den der Schurke zur Kontrastierung der inneren Verschmutztheit trägt. Das helle Schurkensakko sah man zuletzt im Discofilm der späten Siebziger, und auch wenn ihn nun ein türkischer Geheimdienstler trägt, der Frauen und Waffen an russische Mafiosi vertickt, darunter die entführte Tschiller-Tochter Lenny (Luna Schweiger), ist mit dieser Ausstattung eine allgemeingültige Chiffre des Kriminellen aufgerufen.

Die passende Requisite ist das im Sakkoärmel versteckte Stilett – auch dies ein Standardaccessoire des sozial inkompatiblen Subjekts. Seit je ist der Ärmeldolch Ausdruck von Hinterhältigkeit, Sadismus und dem Spleen, eigene Körperteile freiwillig in Gefahr zu bringen.

Im zweiten Teil des Films, der in Moskau spielt, wohin besagte Tschiller-Tochter entführt wurde, um dort als lebende Bombe zwecks Attentatausübung umoperiert zu werden, trägt der Schurke – Marke Oligarch meets Preisboxer – wahlweise schlecht sitzende Nadelstreifenanzüge oder Brokatmorgenmantel. Der Brokatmorgenmantel signalisiert, dass man mächtig genug ist, Tageszeiten zu ignorieren und selbst mit dem Look des exzentrischen Reha-Patienten andere einzuschüchtern vermag.

2. Die Guten. Die Guten sind gut, ohne Wenn und Aber. Tschiller will seine Tochter aus den Fängen des russisch-türkischen Mobs befreien – nehmt das, Erdoğan und Putin! Hierfür wird über Landes- und Geschmacksgrenzen gekämpft und gewitzelt – auch dies ein Standard des frühen Action-Kinos, das vor allem dem pubertären Humorempfinden galt. Pimmel-, Dicke- und Sex-Jokes gehören hier zum Ermittlungsalltag wie die fotogene Narbe ins Schweiger-Gesicht, und vor allem Fahri Yardim als norddeutsch schnackender Sidekick erfreut sich der Gag-Fürsorge seines Kollegen. "Du findest schon ein Frauchen!", sagt Tschiller zum Ermittlerfreund – so redete Bruce Willis in den späten Achtzigern, als Genderpolitik noch eine Sache von irgendwelchen Eierköpfen in Yale und Harvard war und nicht ein Thema der Marketingabteilungen von Hollywood.

Es gibt auch einen guten russischen Cop (Boris Golidzyn), er sieht aus wie David Garrett mit Gewichtsproblemen (und ohne die Einsicht, dass ab einer bestimmten Haarlänge die Spülung ein legitimes kosmetisches Mittel für Männer ist). Auch dieser Cop hat eine Tochter – die Guten sind demnach Männer mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt, was in Anbetracht des kulturellen Gesamtklimas im Land sowohl als Retrohaltung als auch als präventive Gesinnung qualifiziert werden kann (Schweiger in einem Köln-Tatort, das wäre die nächste Stufe der medialen Eskalation im Œuvre dieses Mannes.)

3. Die Frauen. Sie sind schön, stark, aber nicht stark genug, um ohne einen Mann aus der Bredouille zu kommen. Genrehistorisch bewährt: die gute Nutte. Wann genau sich in der cinematografischen Vorstellungswelt die Verbindung von erotischer Käuflichkeit und charakterlicher Noblesse zu etablieren begann, ist schwer zu ermitteln, vermutlich bei Pretty Woman. In diesem Fall ist es eine Stripperin mit fehlender Niere (verkauft zwecks Hebung des Lebensstandards), Alyona Konstantinova spielt sie mit dem Charme einer schlecht ernährten, aber gut gelaunten Jean Seberg.

Fazit: ein Film von holzschnitthafter, in normativen und sozialpraktischen Fragen letztlich aber einwandfreier Qualität. Keine postmodernen Mätzchen, keine Volten in der Erzählung, solide Darstellung in der Nachfolge von Chuck Norris und allen, die wissen, dass das Gesicht des Helden mindestens so zerfurcht sein muss wie seine Seele.