Drei Akte hat dieses Stück, in jedem Akt sieht man denselben Mann, einen Polizisten namens Johnson, im Kampf mit einem anderen Menschen. In Akt I streitet er bis aufs Blut mit seiner Frau, in Akt II wird er grimmig verhört von einem Vorgesetzten, in Akt III verhört er einen Mann, den er für einen Sexualstraftäter hält – und schlägt ihn tot. Mit jedem Akt wird uns das Wesen Johnsons plastischer, und man erkennt, dass es in diesem Schauspiel einen Konflikt gibt, der alle anderen überlagert: Es ist der Kampf, den Johnson gegen die eigene Bestialität austrägt.

Gespielt wird ein Stück des englischen Dramatikers John Hopkins, Diese Geschichte von Ihnen (1968). Andrea Breth inszeniert am Wiener Akademietheater den Kampf des Polizisten Johnson als einen Tumult, den Virtuosen vom Blatt spielen. Selbst während sie einander schlagen, scheinen die Künstler über ihre Blutkrusten hinweg in die Partitur zu spähen, um sich zu vergewissern, dass sie alles so spielen, wie es geschrieben steht. Noch wenn sie durcheinandersprechen, hat das eine Präzision, als zählten sie auf drei, ehe sie durcheinandersprechen. Man spürt die handwerkliche Verschworenheit, das mannschaftliche Einverständnis der Schauspieler – ihren Ehrgeiz, die Entstehung und Ausbreitung von Gewalt anschaulich zu machen. Namentlich den großartigen Spielern Nicholas Ofczarek (als Johnson) und August Diehl (als seinem Opfer) glaubt man jederzeit, dass sie viel aufs Spiel setzen; man glaubt ihnen aber nicht unbedingt, was sie spielen.

Denn ein Spiel, welches das grauenhafte und unerschöpfliche Wunder der menschlichen Gewalt beleuchtet, gerät leicht in Gefahr, dieses Wunder auch ein wenig zu feiern – weil ein Körper, der zum Schlag ausholt, auch eine gewisse Schönheit haben kann, jedenfalls wenn Ofczarek und Diehl beteiligt sind. Beiden gelingt eine schauspielerische Höchstleistung, und dieses Verb, "gelingen", beleuchtet auch ein Problem: die Aufführung glüht vom Stolz seiner Artisten. Es sitzen alle Schläge, so wie in einer Zirkusmanege die Handgriffe zwischen Fänger und Flieger sitzen.

Die zentrale Gestalt des Abends ist Nicholas Ofczarek als Johnson. Die drei Akte zeigen ihn kurz nach der Tat; dann später im Verhör über seine Tat; und schließlich, der Autor Hopkins dreht die Zeit zurück, kurz vor der Tat – im Clinch mit seinem Opfer. Man begreift: Das Verhör ist die letzte Intimität, die dieser zerrüttete Mann noch erträgt. In Ofczareks Spiel wird jeder Gegner zu einem Gewaltpartner, einem innig Vertrauten, von dem er, mit allen Mitteln, Respekt und Beistand fordert.

Im ersten Akt erzählt er seiner Frau, dass er gerade einen Mann totgeschlagen hat – und dabei krallt er sich an ihr fest, als brauche er sie, um sich der eigenen Schuld zu vergewissern. Er beichtet die Tat (mit Stolz) und ist kurz davor, die nächste zu verüben. So zeigt Breth, dass dieser Mann alles durcheinanderbringt: die Gewalt, die einst ihm zugefügt wurde, gibt er anderen mit, die zufällig im Weg stehen, und die Mordlust, die in ihm tobt, will er gewaltsam anderen nachweisen und austreiben. Er krallt seine Pranke in den Kragen seiner Frau und zieht sie zu sich heran – als schlage er einen Haken in ein Stück Fleisch. Das ist eine Geste, die wir später am Abend wieder sehen werden – kurz bevor er den Mann, den er verhört, totschlägt.

In allen drei Akten sehen wir, und das ist eine andere Leitgeste der Inszenierung, wie Johnson seinem jeweiligen Dialogpartner das Handgelenk quetscht – als wollte er ein Treuegelübde erzwingen. Seine Gewalt verrät das schreiende Bedürfnis nach Verlässlichkeit, und in seinem letzten Opfer, Baxter, findet er einen Partner – August Diehl als der mögliche Kinderschänder erwidert auf todesübermütige Weise Johnsons Begehren. Die Gewalt wird zum Mittel der Verständigung, die Folter zur äußersten Form erotischer Verstrickung.

Andrea Breth hat ein vergessenes Gebrauchstheaterstück gehoben, um mit dessen Figuren den menschlichen Hunger nach Anerkennung und Vergeltung zu erforschen. Vielleicht glaubt man nicht alles, was auf der Bühne behauptet wird – aber wie es behauptet wird, ist sehenswert und fesselnd. Wo andere Regisseure und Spieler Gewalt auftrumpfend und laut oder noch eher ironisch-ausweichend umspielen, da hat dieses Ensemble den Hässlichkeits-Mut, sich der Warnung "Umkehr ist nicht möglich" zu widersetzen, welche aller Gewalt innewohnt. Sie hören die Warnung – und gehen trotzdem weiter.