Christ+Welt: Sollte die Pflicht zum Zölibat für katholische Priester aufgehoben werden?

Wunibald Müller: Der Zölibat ist an sich eine bereichernde Lebensform. Menschen, die ein entsprechendes Charisma haben, kann es gelingen, den Zölibat glaubwürdig zu leben. Sie verzichten bewusst auf ihre Sexualität und schaffen das auch. Problematisch ist die Pflicht zum Zölibat.

C+W: Warum?

Müller: Ich leite nun seit 25 Jahren das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach, einen Zufluchtsort, unter anderem auch für Geistliche in Krisensituationen. Ich habe Hunderte Priester gesehen, die sich aufreiben an der Herausforderung des zölibatären Lebensstils, dem viele einfach nicht gewachsen sind. Gerade junge Priester gehen mit viel Enthusiasmus an ihre Aufgabe, verlieben sich dann und sind hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihrem Beruf und der Liebe zu einer Frau. Das ist schlimm mitanzusehen. Unter ihnen gibt es tolle Priester, die sich für ihre Frau entscheiden, aber auf diese Weise ihrem Beruf verloren gehen.

C+W: Warum wissen die Kandidaten nicht schon vorher, worauf sie sich da einlassen?

Müller: Viele Priester haben ein falsches Bild vom Zölibat. Er bedeutet ja nicht, dass man keine tiefgehenden Beziehungen haben soll. Im Gegenteil, die braucht jeder Mensch. Ohne solche Beziehungen, in denen man Intimität erfährt, wird man krank. Intimität ist nicht nur die genitale Sexualität. Man braucht Freundschaften zu Männern und Frauen und muss sich auch mal in den Arm nehmen lassen können. Ein Leben lang auf die genitale Sexualität zu verzichten, ist ein großer Verlust. Aber dieser Verzicht macht nicht krank.

C+W: Das Problem ist, wenn sich zwischen der öffentlichen Figur des Priesters und seinem Privatleben eine Kluft auftut …

Müller: Viele Priester leben in Liebesbeziehungen, auch in rein sexuellen Beziehungen, die sie nach außen hin verstecken. Denn sonst werden sie suspendiert. Oft werden diese Beziehungen dann im Dunkeln gelebt. Viele Bischöfe wissen um diese Situation oder ahnen es. Sie schauen dann aber lieber weg, weil sie sonst eingreifen und den entsprechenden Priester suspendieren müssen. Das wollen die Bischöfe aber nicht, da sie auf diese Weise oft fähige und tüchtige Priester verlieren würden.

C+W: Wie viele Priester halten sich denn überhaupt noch an den Zölibat?

Müller: Nach meiner Einschätzung nicht viel mehr als die Hälfte aller Priester in den westlichen Ländern. Es ist ein bisschen wie mit der Enzyklika "Humanae vitae" von Paul VI. Der Papst untersagte den Gebrauch künstlicher Verhütungsmittel, aber keiner hält sich dran. Auch der Pflichtzölibat wird immer weniger wirklich gelebt und überlebt sich somit mit der Zeit. Solange die Kirche daher hier nicht ihre Haltung ändert, macht sie sich unglaubwürdig.

C+W: Sie haben Papst Franziskus deshalb einen Brief geschrieben. Was stand darin?

Müller: Ich habe ihm zweimal geschrieben, das letzte Mal 2014. Meine Bitte war, es den Priestern freizustellen, ob sie zölibatär leben oder heiraten.

C+W: Und die Antwort?

Müller: Mein erster Brief blieb unbeantwortet, obwohl ich mich persönlich versichert habe, dass er bei ihm in Santa Marta angekommen ist. Ende November vergangenen Jahres bekam ich dann eine Antwort aus dem vatikanischen Staatssekretariat. Der Papst sei eingehend über meine Bitte und Erwägungen unterrichtet worden und bedanke sich für die Mitsorge für die Sendung der Kirche. Er halte es aber nicht für geeignet, "universalkirchlich eine Option zwischen einem verheirateten und einem zölibatären Klerus zu ermöglichen". Gerade unsere Zeit, so heißt es weiter in dem Brief, brauche dieses Zeugnis der Treue zu einer frei gewählten Lebensentscheidung und die Hingabe an die große Berufung, sich ungeteilt dem Herrn und seiner Sache zu widmen.

"Auch ein Priester muss sich mit seiner Sexualität auseinandersetzen"

C+W: Eine klare Absage also?

Müller: Nein, nicht ganz. In dem Brief wird auch auf eine von Paul VI. 1967 etablierte Praxis hingewiesen, nach der in Ausnahmefällen die Zulassung eines verheirateten Mannes zum Priesteramt gebilligt wird, dies aber "keine nachteiligen Folgen für die herrschende Disziplin bezüglich des Zölibats mit sich bringen" dürfe. Das bezog sich bisher etwa auf verheiratete Priester anderer Konfessionen, die zur katholischen Kirche übertreten. Aus meiner Sicht ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Verweis als Hinweis zu verstehen ist, in Zukunft etwa auch verheiratete Diakone oder sogar bewährte Laien zum Priesteramt zuzulassen.

C+W: Ist das Ihr Wunsch oder eine realistische Perspektive?

Müller: Ich erlebe Franziskus so, dass er immer prüft, wo er einen nächsten Schritt nach vorne gehen kann. Er könnte beim Zölibat mehr Ausnahmen zulassen. Das war bei der Debatte um die wiederverheirateten Geschiedenen auch schon so. Er hat einen Prozess angestoßen. Inzwischen wird gemunkelt, die nächste Synode könnte sich etwa dem Priestertum, also auch der Frage des Zölibats, widmen.

C+W: Der Papst schließt eine universalkirchliche Veränderung der Disziplin des Zölibats aus. Ist er aus Ihrer Sicht offen für regionale Veränderungen?

Müller: Ich denke schon. Die Möglichkeit, auf regionaler Ebene Veränderungen zuzulassen, ist gegeben. So wie jetzt kann es jedenfalls nicht weitergehen. Franziskus ist jemand, der etwas in Gang bringen könnte. Es muss sich etwas tun.

C+W: Welche Rolle kommt den Bischöfen bei diesem Prozess zu?

Müller: Wenn eine universalkirchliche Entscheidung ausgeschlossen ist, aber regionale Lösungen denkbar sind, dann kommt es nun auf die Bischofskonferenzen an. Sie könnten Leitlinien entwickeln und den Ball aufnehmen. Auch auf europäischer Ebene sind Lösungen denkbar.

C+W: Wie viele Bischöfe in Deutschland sind der Meinung, dass der Zölibat gelockert werden muss?

Müller: Nach meiner Einschätzung über die Hälfte aller Bischöfe in Deutschland.

C+W: Warum aber wagt sich keiner aus der Deckung? Die Aussichten auf eine Veränderung sind doch so gut wie lange nicht mehr.

Müller: Einzelne Bischöfe haben es ja in der Vergangenheit getan oder tun es auch jetzt, wenn auch noch recht vorsichtig. Ich glaube, in vielen steckt noch die alte Angst aus der Ära von Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI., in der man sofort zurückgepfiffen wurde und mit Sanktionen rechnen musste. Nach meiner Einschätzung zählen viele Bischöfe auch nicht unbedingt zu den Mutigsten. Damit lassen sie auch viele ihrer Priester alleine, die dann versuchen, ihre eigenen Lösungen zu finden.

C+W: Inwiefern hängen Zölibat und Missbrauch voneinander ab?

Müller: Die Frage ist, ob man sich mit seiner Sexualität auseinandergesetzt hat oder nicht. Wer das nicht tut, ist ein Risikofaktor. Auch ein Priester muss sich mit seiner Sexualität auseinandersetzen, er muss sie annehmen, um in der Lage zu sein, über seine Sexualität verfügen zu können. Sonst besteht die Gefahr, dass die Sexualität plötzlich das Steuer übernimmt und die betreffende Person die Kontrolle über sich verliert. Wer sich aber auf eine erwachsene, realistische Weise mit der eigenen Sexualität auseinandersetzt, um ihre Macht weiß und persönlich ganz hinter dem Verzicht seiner genitalen Sexualität steht, der ist am ehesten in der Lage, "gefährliche" Situationen vermeiden und sich kontrollieren zu können.

C+W: Würde die Zulassung von regionalen Ausnahmen nicht langfristig die Abschaffung des Pflichtzölibats als Ganzes bedeuten?

Müller: Des Pflichtzölibats schon, nicht des Zölibats an sich. Er kann ohne den Zwang zu einer Quelle für ein geglücktes Leben werden. Was den Pflichtzölibat betrifft, wird die Erweiterung der Ausnahmen eine eigene Dynamik auslösen. Diese Dynamik existiert ja schon, wie aktuell der Blick auf die Praxis zeigt. Machen wir uns doch nichts vor: Der Zölibat wird immer weniger wirklich gelebt und auch von immer weniger Gläubigen unterstützt. Sie tolerieren es auch immer häufiger, wenn ein Priester in einer Beziehung lebt. Aber es wäre auch den Gläubigen lieber, ihre Priester könnten heiraten und offen zu ihrer Beziehung stehen.