Am Abend des 25. Januar machte sich der italienische Student Giulio Regeni auf den Weg zu einem Freund im Zentrum von Kairo – dort ankommen sollte er nicht. Neun Tage später fand man seine Leiche in einem Straßengraben, halb nackt und mit schweren Folterspuren. Ein Autounfall, behauptete die Polizei zunächst. Italiens Wirtschaftsministerin Federica Guidi, die gerade mit einer großen Handelsdelegation in Kairo war, brach den Besuch ab. Die Regierung in Rom forderte die ägyptischen Behörden in ungewöhnlich scharfem Ton auf, den Tathergang mit "maximalem Engagement" aufzuklären. Übersetzt aus dem Diplomatenjargon heißt das: "Wir trauen euch nicht."

Dass Regeni von Sicherheitskräften verschleppt worden sein könnte, hatten Bürgerrechtler in Kairo sofort nach seinem Verschwinden vermutet. Der 25. Januar war der fünfte Jahrestag der ägyptischen Revolution. Demonstrationen waren verboten, in der Innenstadt wimmelte es von Polizisten und Geheimdienstlern, es gab "präventive" Verhaftungen – eine gängige Praxis, bei der Betroffene oft wochenlang an einem geheimen Ort verhört und gefoltert werden. Den Geheimdiensten dürfte der italienische Student bekannt gewesen sein. Regeni forschte als Doktorand der Cambridge University zu einem heiklen Thema: über unabhängige Gewerkschaften in einem Staat, der inzwischen weit repressiver ist als das vor fünf Jahren gestürzte Regime des Diktators Hosni Mubarak.

Eine Wirtschaftsministerin, die umgehend abreist, Italien, das einen scharfen Ton gegenüber Ägypten anschlägt – noch vor Kurzem hätte man das nicht erwartet. Denn es war der italienische Premierminister Matteo Renzi, der – schneller und lauter als andere westliche Regierungschefs – Ägyptens neuen starken Mann Abdel Fattah al-Sissi hofiert hatte. Auch, um italienischen Unternehmen Türen auf dem ägyptischen Markt zu öffnen.

Sicherheit und Aufschwung – mit dieser Botschaft war Al-Sissi im Mai 2014 zum Präsidenten gewählt worden. Ägypten hatte zu diesem Zeitpunkt eine Revolution und drei Jahre Chaos hinter sich: Der 2012 demokratisch zum Präsidenten gewählte Muslimbruder Mohammed Mursi war im Sommer 2013 nach Massenprotesten, einem Blutbad und einem Putsch gestürzt worden. Auf dem Sinai, aber auch in Kairo häuften sich die Anschläge militanter Islamisten, die Wirtschaft befand sich in desaströsem Zustand. Viele Ägypter jubelten Al-Sissi nach seiner Wahl zu wie einem Erlöser. Ausländische Regierungen sahen in dem General und seiner Machtbastion, der Armee, Garanten der neuen, alten "Stabilität".

Entsprechend schnell kam man miteinander ins Geschäft. Auf einer Investorenkonferenz im März 2015 sammelte Al-Sissi Investitionszusagen aus dem Ausland in Höhe von mehr als 40 Milliarden Euro ein, "Vision 2030" nannte er das Programm. Mit dabei waren Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Siemens-Chef Joe Kaeser. Siemens will in Ägypten ein Kraftwerk und Windkraftanlagen bauen.

Auf der Konferenz präsentierte Al-Sissi auch sein größtes Vorhaben: eine neue Hauptstadt. Die soll innerhalb der nächsten sieben Jahre in der Wüste hochgezogen werden, mit neuem Präsidentenpalast, Ministerien und Wohnraum für fünf Millionen Menschen. All das abseits vom Moloch Kairo, für dessen 20 Millionen Einwohner die Regierung schon jetzt keine funktionierende Infrastruktur bereitstellen kann. Da hätten den versammelten Gästen eigentlich erste Zweifel am ökonomischen Genesungsplan des ägyptischen Präsidenten kommen müssen.

Stattdessen kamen Frankreichs Präsident François Hollande, Russlands Premierminister Dmitri Medwedew und andere ausländische Minister im August 2015 zur Einweihung des erweiterten Sueskanals, die Al-Sissi mit militärischem Pomp dirigierte. Das Megaprojekt hat mehr als acht Milliarden Dollar gekostet. Die Erweiterung sollte ermöglichen, doppelt so viele Schiffe durch die Wasserstraße zu leiten; die Kanalgebühren sind eine wichtige Einnahmequelle für den ägyptischen Staatshaushalt. Doch keine globale Handelsprognose geht auch nur annähernd von einer Verdoppelung des Schiffsverkehrs in der Region aus. Profitiert haben von der Erweiterung bislang vor allem die Ingenieurs- und Bauabteilungen des Militärs sowie einige private Unternehmen mit guten Beziehungen zur Armee. Die hatte die Bauarbeiten beaufsichtigt.