Wenn an der Börse wirklich die Zukunft gehandelt wird, dann war es das mit dem deutschen Wirtschaftswunder. In Frankfurt ist der Leitindex Dax seit Neujahr um mehr als 15 Prozent eingebrochen – ein Rekordminus. In Japan gab der Nikkei zu Wochenbeginn an einem einzigen Tag um mehr als fünf Prozent nach, und in New York rauschte der Dow Jones nach unten. Rund um den Globus flüchten die Anleger in vermeintlich sichere Werte wie Gold oder amerikanische Staatspapiere. Schon warnt der Milliardär und frühere Hedgefonds-Manager George Soros vor einer Krise, "wie wir sie 2008 hatten". Damals, als die Investmentbank Lehman Brothers kollabierte und die Welt am Abgrund stand. Und der US-Investmentguru Jim Rogers sagt voraus: "Wir werden alle leiden."

Wenn an der Börse wirklich die Zukunft gehandelt wird, dann steht also die nächste große Finanzkrise unmittelbar bevor. Dann geht das Wirtschaftswachstum zurück, dann steigt die Arbeitslosigkeit, dann werden sich die gesellschaftlichen Spannungen in Deutschland noch einmal verschärfen, und dann ist Angela Merkel wahrscheinlich nicht mehr lange Bundeskanzlerin.

Aber womöglich wird an der Börse derzeit etwas ganz anderes gehandelt.

Tatsächlich wird die Lage der Weltwirtschaft schlechter: In China und vielen anderen Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas lässt das Wachstum nach – und das trifft die Unternehmen in den Industrienationen, die dorthin ihre Waren verkaufen. Der Absatz von Audi in der Volksrepublik ging 2015 erstmals nach 26 Jahren ununterbrochenen Wachstums zurück. Der deutsche Autobauer hat seine Produktion in China schon vor einigen Monaten gedrosselt.

Gleichzeitig macht der starke Rückgang der Rohstoffpreise in den vergangenen Monaten Förderländern wie Saudi-Arabien, Brasilien, Südafrika und Russland zu schaffen – und viele dieser Staaten zählen zu den wichtigsten Kunden deutscher Exportunternehmen. Besonders schlimm trifft es Erdölproduzenten wie Aserbaidschan, Nigeria und Angola: Sie verhandeln mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds sogar schon um Notkredite. Venezuela steht am Rande des Bankrotts.

Selbst in den Vereinigten Staaten richtet das billige Öl Schaden an: Es vermasselt der in den vergangenen Jahren boomenden Fracking-Branche das Geschäft. Viele der mittelständischen Schieferölproduzenten stecken mittlerweile in echten Finanznöten. Der Marktpreis deckt oft nicht mehr ihre Kosten. Doch sie pumpen weiter, weil sie Umsätze machen müssen, um ihre Gläubiger zu bedienen. 60 Ölfirmen haben laut dem Analysehaus IHS bereits Insolvenz angemeldet.

Die Nöte der Rohstoffindustrie könnten zum Problem für die ganze Weltwirtschaft werden. Schließlich haben die Betriebe all die neuen Fördertürme, Bohrplattformen oder Minen in der Expansion vor allem mit geliehenem Geld finanziert. Bangen müssen vor allem die Bankhäuser. Sie haben den Rohstofffirmen weltweit nicht nur Kredite in Höhe von geschätzten 1.600 Milliarden Dollar gegeben, sondern halten auch einen großen Anteil der Anleihen, mit denen sich die Konzerne seit 2010 am Kapitalmarkt insgesamt noch einmal rund 2.000 Milliarden Dollar geborgt haben. Wie viel von dem Geld die Kreditinstitute wiedersehen werden, ist ungewiss. Und genau das verunsichert die Anleger: Müssen die Banken wieder faule Kredite in Milliardenhöhe als Verlust verbuchen? Drohen am Ende neue Pleiten? Muss der Staat wieder einspringen?

Unter besonderer Beobachtung steht die Deutsche Bank. Das kriselnde Frankfurter Institut musste kürzlich den höchsten Verlust seiner Geschichte vermelden, der Aktienkurs hat sich in den vergangenen Monaten halbiert. Die Deutsche Bank sah sich Anfang der Woche sogar genötigt, öffentlich Zweifel an ihrer Zahlungsfähigkeit zu zerstreuen. Die Bank sei "absolut grundsolide", schrieb Vorstandschef John Cryan in einem Brief an seine Mitarbeiter. Alle Schuldscheine würden pünktlich bedient.

Dass ein Weltkonzern wie die Deutsche Bank solche Selbstverständlichkeiten betonen muss, zeigt, unter welchem Druck Cryan und seine Leute stehen – und es sorgt auch in Berlin für Unruhe. Wolfgang Schäuble sagte zwar, er mache sich um die Bank "keine Sorgen". Aber was soll ein deutscher Finanzminister auch sagen, wenn er die Krise durch seine Äußerungen nicht noch zusätzlich anheizen will. In Schäubles Ministerium jedenfalls ist man alarmiert, denn alle wissen: Wenn die größte deutsche Bank ein Problem hat, dann hat ganz Deutschland ein Problem.

Aber auch das gehört zu einer ehrlichen Lagebeschreibung: Der überwiegende Teil der deutschen Ausfuhren geht immer noch in die westlichen Industrienationen. Unter den zehn wichtigsten Handelspartnern findet sich nur ein einziges Schwellenland: China. Deutschland exportiert mehr Waren in die Slowakei als nach Saudi-Arabien. Und in Frankreich – dem Land, in das die meisten deutschen Exporte gehen – ist die Zuversicht im verarbeitenden Gewerbe im Januar auf ein Fünfjahreshoch gestiegen.

So bedrohlich die Schwierigkeiten der neuen Märkte für die eine oder andere Firma sein mögen, für die deutsche Volkswirtschaft insgesamt sind sie bisher verkraftbar – zumal der niedrige Ölpreis zugleich den Konsum stützt, weil die Verbraucher weniger Geld für Benzin und Heizöl ausgeben müssen. Um 2,3 Prozent werden die privaten Konsumausgaben nach Prognosen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft in diesem Jahr steigen. Es wäre das stärkste Plus seit der Jahrtausendwende.