Dieser Koloss ist nun also in die Geschichte des Hamburger Hafens eingegangen. Nicht, weil er so gewaltig ist, nein, Schiffe mit Platz für 19.000 Standardcontainer gibt es inzwischen wie Schlick im Hafenbecken, die nächstgrößere Generation der Giganten wird schon gebaut. Doch es ist historisch, wenn bei einem dieser Riesen plötzlich kurz vor Hamburg die Ruderanlage ausfällt. Und er sechs Tage lang in der Elbe vor Wedel liegt wie ein verendeter Wal.

400 Meter lang, 150.000 Tonnen schwer, 6.600 Container an Bord – die CSCL Indian Ocean war eine Attraktion. Tausende Menschen strömten herbei, um den Havaristen zu bestaunen. Es herrschte Volksfeststimmung am Elbdeich. Und Katastrophenstimmung im Hafen, denn das können sie hier gerade noch brauchen zu all dem bisherigen Ärger: eine Debatte über die Sicherheit.

Ein elektronisches Bauteil sei schuld gewesen, sagt ein Sprecher der Reederei China Shipping. Es sei ausgefallen, plötzlich war der Koloss nicht mehr steuerbar bei seiner Anfahrt auf den Hamburger Hafen am Mittwoch voriger Woche. Die Untersuchungen laufen noch. Es gelang den Lotsen gerade noch, das Schiff am nördlichen Ende der Fahrrinne sanft auf Grund zu setzen. Hätte es sich quer gestellt und die Elbe blockiert – der Hafen wäre tagelang abgeschnitten gewesen.

Ein Szenario, das vorstellbar ist, laut Experten allerdings auch nicht viel mehr. "Die Wahrscheinlichkeit halte ich für äußerst gering", sagt Ben Lodemann, Ältermann der Lotsenbrüderschaft Elbe, "das müsste schon echt mit dem Teufel zugehen." Seine Kollegen hätten genau richtig reagiert. "Die haben so ein bisschen gezaubert." Mit der Elbvertiefung habe der Unfall übrigens nichts zu tun. "Hier ist ein großer technischer Fehler passiert", sagt der Lotse, "aber das kann in jedem Hafen der Welt passieren."

Die ersten Versuche, die Indian Ocean in der vergangenen Woche zurück in die Fahrrinne zu ziehen, scheitern. Also rücken Tankschiffe an, um das Schweröl und Ballastwasser abzupumpen, mehr als 6.000 Tonnen. Zwei Bagger saugen Schlick rund um das havarierte Schiff ab. Nach sechs Tagen ist es so weit, in der Nacht auf Dienstag. Der Wind hilft mit, er bläst die Springflut noch ein wenig höher in die Elbe. Zwölf Schlepper stehen bereit. Es beginnt die spektakulärste Rettungsaktion auf der Elbe seit Langem.

Eine langsame Angelegenheit ist diese Rettung. Um kurz nach zwei Uhr in der Nacht beginnen die Schlepper, die Indian Ocean rückwärts aus dem Schlick zu ziehen. Sie ist hell beleuchtet, damit die Männer an Bord gut arbeiten können. "Festtagsbeleuchtung sozusagen", sagt die Sprecherin des Havariekommandos aus Cuxhaven, Simone Starke, die auch an den Elbdeich gekommen ist.

Was auf dem Schiff genau vor sich geht, kann man vom Deich aus nur erahnen. 30 Männer arbeiten auf den Schleppern und der Brücke der Indian Ocean, selbst mit Fernglas ist nichts zu erkennen. Von Weitem sieht das Schiff aus wie eine gigantische Containerinsel, völlig überproportioniert für die schmale Elbe, die Schlepper wirken wie kleine Bojen. "Da, jetzt kommt das Heck – ah nee, doch nicht", diesen Satz hört man mehrmals.

Bis sechs Uhr war die Sperrung der Elbe angekündigt, die Rettung könne mehrere Stunden dauern, hieß es. Doch dann ist nach einer guten halben Stunde alles vorbei. Es ist 2.40 Uhr, es beginnt gerade zu regnen, als die Indian Ocean "offiziell frei" ist, wie die Pressesprecherin stolz verkündet. Das Schiff werde nun ganz langsam mit zwei bis drei Knoten in den Hafen gezogen.

Die kleine Gruppe aus vier Journalisten und nochmal so vielen Anwohnern, die das Ganze beobachtet hat, macht sich auf den Heimweg. Nur der Moderator der Onlineausgabe des Stader Tageblatts bleibt mit seinem Kameramann und einem Interviewpartner vom Havariekommando im Wind stehen. "Das Experiment ist geglückt, die Indian Ocean ist gerettet", ruft der Reporter in den Wind, der seine grauen Haare zerzaust. "Das war ziemlich unspektakulär, zumindest von unserer Seite aus."

So glimpflich der Unfall am Ende ausging – die Folgen werden noch länger zu spüren sein im Hafen. Die Bilder des gestrandeten Riesen werden in Erinnerung bleiben, ganz gleich, ob diese Ruderpanne überall auf der Welt hätte passieren können oder nicht.

Die Diskussion um die Sicherheit muss bleiben: Wie gut ist Hamburg gerüstet für derartige Unfälle? Wie lange hätte es gedauert, im Notfall einen Schwimmkran aus Rotterdam anrücken zu lassen, um die Container von der Indian Ocean zu heben? Und wie groß sollen die Schiffe eigentlich noch werden – und mit ihnen die Risiken?

Der Unfall der Indian Ocean sollte ein Anstoß sein für eine kritische Selbstüberprüfung. Nicht nur für den Hersteller des kleinen elektronischen Bauteils in der Ruderanlage, das zur falschen Zeit am falschen Ort versagt hat.