"Es war einmal ein kleines Mädchen", so beginnt Grimms Märchen Die Sterntaler, "dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte." Das Mädchen wandert hinaus in die Welt, begegnet anderen armen Menschen, an die es seine wenige Habe verschenkt. Nachts im Wald gibt es sein letztes Hemdchen her, sodass das kleine Mädchen nackt unterm Sternenhimmel steht. "Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter blanke Taler."

Wir können nur hoffen, dass es nicht mehr als 5.000 Euro gewesen sind, da die vom Himmel fielen, denn oberhalb davon wird es kritisch und sieht verdammt nach Geldwäsche aus. Wer mit viel Barschaft herumläuft, macht sich verdächtig, und unser kleines Mädchen wäre trotz oder gerade wegen seiner vielen Taler verloren gewesen.

Das kursierende Gerede von der Abschaffung des Bargelds rührt an die letzten Reste der Vorstellung, dass Geld etwas Konkretes sei, und die liebevollen Spitznamen, ob "Kohle" oder "Eier" oder "Bimbes" (wie Helmut Kohl zu sagen liebte), verraten den Glauben, dass Geld nicht nur einen materiellen Wert hat, sondern auch einer ist, den man anfassen können muss. Wenn es nur noch um Zahlen geht, die auf dem Bildschirm zu lesen sind, braucht man einen starken Glauben. Der Glaube ist schwächer geworden, und überall regt sich die Sehnsucht nach dem guten alten Geld. Nach Schätzungen der Bundesbank gibt es noch beträchtliche Altgeldsummen in den Haushalten: Knapp sechs Milliarden D-Mark in Scheinen und noch mal sechs Milliarden als Münzen.

Die Bundesbank kann aber nicht wissen, wie viele Taler es gibt, solche, die herabgeregnet sind, die unter der Matratze liegen, in Krügen stecken oder unterm Birnbaum vergraben sind. In Halle, Cham und Regensburg findet man wieder Läden, in denen man mit D-Mark bezahlen kann, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Karstadt die Währung des Sterntalermädchens akzeptiert. Wenn der Euro scheitert, kommen die Taler. Es ist durchaus immer noch möglich, dass sie in klaren Nächten vom Himmel fallen. Man muss nur an der richtigen Stelle stehen und sein letztes Hemd verschenkt haben.