Der Mann, der das am besten weiß, ist Heinrich Böckelühr, 54 Jahre alt, seit 16 Jahren Bürgermeister, ein CDU-Mann im roten Pott. Auf seinem Schreibtisch in der Ratsstube, einem Altbau mit hohen Decken und langen weißen Vorhängen, stapeln sich die Akten. Es sieht aus, als hätte sie jemand dort hingeschoben, um zu zeigen: Schwerte kann nicht mehr.

Von den rund eine Million Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kamen, sind knapp 700 in Schwerte gelandet. Manchmal hatten Böckelühr und seine Leute nur ein paar Tage Zeit, um sie unterzubringen. Um Betten und Matratzen zu kaufen, um Container aufzubauen und Turnhallen leer zu räumen. 14 Turnhallen gibt es in Schwerte, sechs davon sind jetzt mit Flüchtlingen belegt. Dort, wo früher die Turner der TG Westhofen am Reck hingen und die Schüler aus der Förderschule durch die Halle tobten, stehen jetzt Doppelstockbetten und Spinde aus Stahl.

Fragt man Böckelühr, ob die Belastungsgrenze in seiner Stadt erreicht sei, sagt er: "Nö." Er vertraut darauf, dass die Sportvereine noch ein wenig Geduld aufbringen, dass seine Bürger weiter helfen. Aber so langsam brauche er mehr Geld, um die Flüchtlinge vernünftig unterzubringen. Schwerte habe im vergangenen Jahr 4,6 Millionen Euro für Flüchtlinge gezahlt, sagt Böckelühr. 3,1 Millionen hat die Stadt vom Land zurückbekommen. Auf den restlichen 1,5 Millionen Euro ist Böckelühr sitzen geblieben. "Wir schaffen das nicht allein", sagt er. "Wir können nicht noch mehr sparen."

Es gibt Finanzexperten, die das ähnlich sehen. Der Kaiserslauterner Wirtschaftsprofessor Martin Junkernheinrich beobachtet seit Jahren die Geldflüsse zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Diesmal seien die Städte und Gemeinden "wirklich in einer extrem schwierigen Lage", sagt er. "Ohne eine höhere Mitfinanzierung vom Land schaffen das manche Kommunen einfach nicht."

Die Städte und Gemeinden sind verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen. Dafür bekommen sie Geld von Bund und Ländern. Wie viel genau, entscheidet jedes Bundesland selbst. Nordrhein-Westfalen zahlt den Kommunen eine Pauschale: pro Jahr und Flüchtling rund 10.000 Euro. Zu wenig, findet der Schwerter Bürgermeister. Der Städte- und Gemeindebund in Nordrhein-Westfalen schätzt, dass die jährlichen Kosten bei mindestens 12.000 Euro liegen. Fragt man bei den Kämmerern größerer Städte nach, nennen sie Summen von bis 20.000 Euro – doppelt so viel, wie das Land veranschlagt.

Vergammelte Spielplätze

Die anderthalb Millionen, auf denen der Bürgermeister Böckelühr sitzen bleibt, sind lächerlich im Vergleich zu den 17 Milliarden, die Bund und Länder zahlen. Aber nur auf den ersten Blick. Denn Schwerte ist ein Härtefall. Die Stadt gehört zu jenen 34 Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die so hoch verschuldet sind, dass sie einen Nothaushalt haben. Die Stadt verpflichtet sich, hart zu sparen – dafür hilft das Land, die Schulden zu begleichen. Um die Auflagen des Landes einzuhalten, sparte Böckelühr jahrelang. Er erhöhte die Grundsteuer und die Abwassergebühren, er strich Stellen in der Verwaltung und den jährlichen Zuschuss für den Weihnachtsmarkt, er ließ Spielplätze vergammeln und das Hallenbad schließen. Wäre alles nach Plan verlaufen, hätte Schwerte 2016 seine schwarze Null gehabt. Doch dann kamen die Flüchtlinge.

Jetzt streiten Land und Kommunen, wer die Flüchtlingskosten trägt. Fair geht es dabei nicht zu: Bund und Länder können unliebsame Kosten nach unten durchreichen, Städte können das nicht. Das heißt nicht, dass sie allein die Lasten der Flüchtlingskrise tragen: Der Bund entscheidet, ob ein Flüchtling bleiben darf oder nicht – und trägt die Kosten für die Prüfung der Asylgesuche. Die Länder registrieren und verteilen die Flüchtlinge. Aber die Kommunen müssen dauerhaft Wohnungen und Sprachkurse anbieten, Arbeits-, Schul- und Kindergartenplätze. Hier entscheidet sich, ob die Flüchtlinge Nachbarn werden. Oder Fremde bleiben.

Eigentlich findet der Schwerter Bürgermeister Böckelühr, dass eine Stadt, die sich in den achtziger Jahren verschuldet hat, um ein Spaßbad zu bauen, auch Schulden machen darf, um Flüchtlingen zu helfen. Eigentlich findet er, dass Angela Merkel recht hatte, als sie im Sommer sagte: "Deutsche Gründlichkeit ist super, aber jetzt wird deutsche Flexibilität gebraucht." Böckelühr wäre gern flexibel. Aber er stößt ständig auf Gesetze, die ihm die Hände binden. Am Ende bleibt ihm nichts anderes übrig, als diese Gesetze zu brechen: Hält er sich an seine Sparauflagen, macht er also für jedes Containerdorf eine europaweite Ausschreibung für das billigste Angebot, verstreicht zu viel Zeit. Dann verstößt er gegen das Flüchtlingsunterbringungsgesetz. Versucht er, schnell eine – nicht ganz so günstige – Unterkunft zu mieten und leiht sich dafür Geld, bricht er die Haushaltsgesetze des Landes. Schwerte geht es wie Griechenland: Die Stadt soll Flüchtlinge aufnehmen. Aber unter keinen Umständen Schulden machen.