Eine Minute noch. Pál Dárdai hält es kaum zwischen den Kreidestrichen der sogenannten Coaching-Zone. Der Gegner greift an. Wahrscheinlich würde er jetzt wie früher gern auf den Platz springen, einen Sprint anziehen oder zur Grätsche ansetzen. Wie er da am Kreideeck verharrt, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, unterscheidet ihn wenig von dem Mann, der 15 Jahre lang für Hertha BSC in der Bundesliga auflief. Nur dass er jetzt nicht mehr kurze Hosen trägt und das Leibchen mit der Nummer acht, sondern eine wattierte Jacke und ein Basecap und die letzte Minute durchleidet, bis seine Mannschaft endlich das 0 : 0 gegen Borussia Dortmund über die Zeit gebracht hat.

Der Spieler Pál Dárdai hat von der zweiten Liga bis zur Champions League alles mitgemacht, was der Fußball in Berlin in der jüngeren Vergangenheit zu bieten hatte. Der Trainer Pál Dárdai ist gerade auf bestem Wege, dieses Programm im Schnelldurchlauf noch einmal zu erleben. Als er vor einem Jahr das erste Mal als Chef an der Seitenlinie stand, taumelte Hertha BSC auf Platz 17 dem Sturz in die Zweitklassigkeit entgegen. Am vergangenen Samstag hat Dárdai seinem Verein ein ausverkauftes Olympiastadion beschert und dazu ein Spitzenspiel. Es war das erste in Berlin seit dem kurzen Höhenflug unter dem Schweizer Lucien Favre, aber das ist jetzt auch schon bald sieben Jahre her. Im Frühling 2009 hätte er Hertha BSC beinahe zur Deutschen Meisterschaft geführt, damals mit dem Mittelfeldmann Pál Dárdai in der Spätphase seiner Karriere als Profi, die als Trainer schon vor Augen. Favre hat ihm damals den Tipp gegeben: "Pál, gehen Sie zu den Kindern, zwei, drei Jahre, danach kann Ihnen niemand mehr etwas Neues erzählen!"

Der Berliner Ungar hat sich dran gehalten und zwei Jahre lang Jugendmannschaften betreut. Dann war die Zeit reif für den großen Job, Pál Dárdai erledigt ihn so erfolgreich wie zuletzt, genau: Lucien Favre. Nach dem 0 : 0 vom Samstag, dem dritten Unentschieden im dritten Rückrundenspiel, thront Hertha BSC immer noch auf Platz drei der Tabelle, hinter den Bayern und Borussia Dortmund, aber vor den Großmächten aus Schalke, Gladbach, Leverkusen und Wolfsburg. Das kleine Fußballwunder vom Fast-Absteiger mit der Perspektive Champions League geht weiter.

Nach außen mag Pál Dárdai das strahlende Gesicht dieser Erfolgsgeschichte sein, aber die Urheberschaft für das Stimmungshoch zwischen der Ostkurve des Berliner Olympiastadions, den alten Arbeiterquartieren von Wedding und Neukölln bis hin zum hippen Berlin des dritten Jahrtausends lässt sich nicht nur auf der Trainerbank verorten. Es geht zurück auf die Symbiose zweier Männer, von denen der eine ohne den anderen nicht dort wäre, wo er jetzt ist. Es ist die Geschichte von Pál Dárdai und dem Mann, der ihn auf die Berliner Bank gesetzt hat. Herthas Aufschwung ist auch die Geschichte von Michael Preetz.

Mit der Radikalität eines unverbrauchten Jugendtrainers

Herthas Sportvorstand Preetz hat sich in den vergangenen Jahren einen Ruf erarbeitet, wie ihn keiner geschenkt haben will. Er war das Gesicht des Abstieges der Jahre 2010 und 2012, der Mann, der sechs Trainerwechsel in sechs Amtsjahren zu verantworten hatte. Der den Rentner Otto Rehhagel zurück aus dem Ruhestand holte und in Krisenzeiten auf der Homepage des Clubs Interviews mit sich selbst führte. Aber es war eben auch Michael Preetz, der im Februar 2015, als sein Club mal wieder vor einem Abstieg stand, die heute so logisch erscheinende Trainer-Entscheidung traf. Kein anderer in einer vergleichbaren Position hätte in der Krise Pál Dárdai zum Chef gemacht – einen ehemaligen Profi, der seit ein paar Jahren raus aus dem Bundesligageschäft war und als einzige Referenz die Betreuung einer Jugendmannschaft vorweisen konnte. Den Trainer Dárdai hätte es ohne die Protektion seines früheren Mannschaftskollegen Preetz kaum gegeben.

Aber wäre Preetz noch Herthas Manager ohne den Trainer Dárdai? Ohne die positive Energie und die Radikalität des unverbrauchten Jugendtrainers, der jedes Training, jedes Spiel mit einer geradezu kindlichen Freude angeht und alle Welt wissen lässt, er habe den schönsten Job der Welt, und zur Not werde er eben wieder Jugendtrainer?

Preetz, 48, und Dárdai, 39, haben Hertha BSC nach der Neuerfindung des Clubs in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrtausends geprägt. Preetz ist mit 93 Toren Herthas Rekordschütze, Dárdai mit 286 Spielen Rekordspieler. Preetz’ Stärke war das intuitive Erahnen von torreifen Szenen, die er trotz seines wenig ausgeprägten Ballgefühls überraschend oft zum erfolgreichen Abschluss brachte. Auch die Sohle des Mittelfeldrenners Pál Dárdai stand im Verdacht, dem Ball übermäßig viele Streicheleinheiten zuzufügen. Er kokettiert heute ganz gern mit einem Angebot des FC Bayern, damals, 1999. Als Hertha sich vor einem Jahr in höchster Not vom niederländischen Trainer Jos Luhukay trennte, setzte Michael Preetz diesen Pál Dárdai durch, was nur möglich war, weil sich Clubpräsident Werner Gegenbauer bedingungslos hinter ihn gestellt hat. Diese personalpolitische Prokura war nicht immer von Vorteil für Hertha BSC. Eigentlich profilierte Preetz sich in der Causa Dárdai zum ersten Mal als erfolgreicher Krisenmanager. Dárdai ließ sich den Fans gut als Identifikationsfigur verkaufen, dazu ersparte sich der Ungar durch seine lange Zeit im Verein eine lange Eingewöhnungsphase.