Die Tarnung funktioniert eigentlich schon seit Jahren nicht mehr. Keine meiner drei Töchter zwischen 16 und 18 Jahren interessiert sich in Wahrheit für die, die ich im Garten halte. Machen wir es also offiziell: Es sind meine Kaninchen. Ich habe sie gekauft, ich umsorge sie, ich mache den riesigen Stall sauber, den ich ja bereits selbst errichtet habe. Ich beschwere mich nicht. Ich hänge an diesen seltsamen Kreaturen – drei Rammler der größten Kaninchenrasse der Welt, drei "Deutsche Riesen", je etwa sieben Kilo schwer, 25 Zentimeter lange Ohren, das Fell fuchsfarben beziehungsweise "gelb", wie die Züchter sagen.

Dabei hatte alles mit einem großen Missverständnis begonnen. Die Kinder verlangten vor etwa zehn Jahren ein Haustier. Irgend etwas Kuscheliges. Wegen meiner Tierhaarallergie kamen weder Hund noch Katze infrage. Kaninchen aber konnte man draußen halten. Sie konnten den Wunsch nach etwas Pelzigem erfüllen, ohne das Haus mit Allergenen zu verpesten.

Es stellte sich schnell heraus, dass die Sache mit dem Kuscheln ein sehr einseitiges Vergnügen war. Kaninchen hassen in Wahrheit nichts so sehr, wie hochgehoben und gestreichelt zu werden. In ihrem Gattungsgedächtnis ist dies abgelegt unter: "Das war’s. Es hat dich erwischt. Stelle dich tot, vielleicht geht noch was." Dieses Verhalten – eigentlich eine Art Totstellreflex – finden Kinder zutraulich, während die Karnickel mit allem Irdischen abschließen.

Kuscheln mit Kindern ist jedenfalls ein arger Stress für Kaninchen. Es sind Fluchttiere! Angst ist neben einem ausgeprägten Fortpflanzungstrieb ihr Überlebensgeheimnis. Der Blick über die Schulter ist ihre Natur. Ständig versuchen sie mit ihren Riesenohren den Feind zu peilen.

In anderen Worten: Die Kaninchen waren von Beginn an völlig unbrauchbar für die Bedürfnisse meiner Kinder. Doch ich war hin und weg. Kaninchen wollen keine Beziehung zu Menschen. Ich glaube nicht, dass sie mich nach all den Jahren von den anderen geheimnisvollen Göttern unterscheiden können, die immer wieder ihren Fressnapf auffüllen. Ich wiederum kann sie sehr wohl unterscheiden, lehne es aber ab, ihnen Namen zu geben. Sie weisen zwar eindeutig Charakterunterschiede auf, aber Individuen sind sie nicht. Sie pflegen ein intensives Gruppenleben. Es gibt eine klare Hierarchie in der Gruppe, die immer wieder durch Kämpfe ausgefochten und bekräftigt wird. Wechselseitige Fellpflege hilft, danach die Gemüter zu beruhigen und die Gruppe zusammenzuschweißen. Bei Gefahr warnen sich die Tiere gegenseitig durch Klopfen.

Ich muss das hier loswerden: Jeder regt sich über Legebatterien für Hühner auf. Aber immer noch werden Abertausende winzige Kaninchenställe in Kinderzimmern aufgestellt, manchmal nur mit einzelnen Tieren besetzt: Das ist die reine Folter. Kaninchen sind etwas für Erwachsene. Man kann in ihnen einer Natur begegnen, die sich nur mäßig für uns Menschen interessiert. Ich finde das entspannend.

Es macht mich glücklich, sie durch meinen Garten hoppeln zu sehen. Anders als die etwa gleich großen Katzen, deren Mordlust ihre Raubtierintelligenz auf unerreichbare Höhen getrieben hat, sind sie eher schlichte Kameraden. Sie leben in einer nahezu vollständig essbaren Welt, sich ihrer eigenen Essbarkeit stets bewusst. Sie sind neugierig, aber als Beutetiere von Natur aus eher skeptisch-konservativ, und sie lieben nichts so sehr wie frisches Gemüse und Sex. Mich hat das alles sofort für sie eingenommen. Ziehen Sie selbst daraus Ihre Schlüsse.

Jörg Lau mag auch Rennradfahren, Pizzabacken und Dinosaur Jr.