Manche Zerwürfnisse sind so alt, dass sich an ihre Gründe niemand mehr erinnert. Es ist wie bei einer Familienfehde oder einem langwierigen Krieg: Keiner weiß mehr, warum der Streit entbrannte. Es wird gehasst, verachtet, geschwiegen – bis einer findet, es reicht.

Deshalb treffen sich diese Woche Papst Franziskus und Patriarch Kyrill zum Friedensgespräch. Nach fast tausend Jahren Schweigen werden die Oberhäupter der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche zum ersten Mal miteinander reden. Vier Stunden sind eingeplant, so viel wie sonst bei keinem Treffen von Präsidenten und Kirchenoberhäuptern. Denn Franziskus und Kyrill wollen nicht nur ein Schisma überwinden, sondern in die Weltkonflikte hinein signalisieren: Wir lösen sie nur gemeinsam. Die Mission ist naiv, die Strategie entwaffnend, weil zwei am eigenen Beispiel zeigen, dass man endlosen Zwist beenden kann.

Was werden sie sagen? Fast egal. Schon ihr Handschlag genügt für ein Jahrtausendereignis. Seit 1054 sind die Kirche des Westens und die Kirche des Ostens gespalten, damals exkommunizierten Papst und Patriarch sich gegenseitig. Dass das Moskauer Patriarchat erstarkte, zuletzt den Ukrainekonflikt anheizte, Panzer segnete und nun an der Seite Putins als Gegner des Westens dasteht, nahm der neue Papst zum Anlass für einen friendly takeover. Mehrmals lud er Kyrill nach Rom ein, der sträubte sich, Franziskus bot an: Ich komme, wohin du willst. Nun treffen sie sich auf Kuba. Heimvorteil für den Russen Kyrill? Auswärtsvorteil für Bergoglio? Wer den Religionsfrieden als Vorstufe des Weltfrieden zelebrieren will, der freut sich über schwierige Orte. Dort lässt sich üben, was die Welt jetzt braucht: friedlichen Dissens. Unterschiede aushalten und aufs Gemeinsame pochen.

Furcht davor hat nur noch die Evangelische Kirche in Deutschland. Bald feiert sie 500 Jahre Reformation, aber bisher wurde Franziskus nicht nach Wittenberg eingeladen. Die EKD und die katholische Bischofskonferenz nähern sich zwar politisch an. Aber der große Frieden 2017? Vielleicht haben die Bundesprotestanten Merkel und Gauck eine Einladung nach Rom geschickt. Sonst könnte es peinlich werden: wenn der Friedenspapst sich selbst einlädt.

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