Süße kleine 1 Prozent. So viel machte der Anteil der Lyrik im deutschen Buchmarkt aus, im Jahre 2012, im Jahr 2013, im Jahr 2014. Das kann entzücken, wo doch der Markt wie der kleine Hävelmann immerzu "Märmärmär!!!" schreit, hier aber schallt ihm ein kleines "Bäh" entgegen. Fersen eingraben auf niedrigem Niveau! Lyrik hat eine eingeschworene Gemeinde. Und die macht neuerdings ganz schön viel Wirbel. Erst trat Michael Krüger, Ex-Hanser-Verleger, im letzten Jahr in Köln ein neues Lyrikfestival los, "Über die Macht der Poesie", dann gewann in Leipzig Jan Wagner mit seiner Lyrik den Preis der Leipziger Buchmesse, nun hat die Jury, wohl vom tosenden Beifall für Wagner befeuert, gleich mal Marion Poschmann mit ihrem Lyrikband Geliehene Landschaften für den Preis 2016 nominiert, während in Köln gerade Teil II des Lyrikfestivals unter rasanter Publikumsbeteiligung durchgezogen wurde, mit Sjón, Songschreiber für Björk, und sehnsuchtsvollen Verneigungen in Richtung David Bowie. Man reibt sich die Augen. Hat nicht auch die Rezitatorin Nora Gomringer den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen? Hatte jemand neulich fabuliert, man könne sich Bob Dylan als Nobelpreisträger denken? Was geht ab? Ein frisches Windchen!

Da ist nur noch ein Nachhauch der patinierten Aura, die Lyrik schwer umwallte, etwas zwischen "zu kompliziert" und "irgendwie doch Geschenkbuch" . Es liegt nicht nur daran, dass Wagner und auch Poschmann große Wortkünstler sind. Sie passen mit ihrem seriösen Gestus natürlich perfekt in die Klaviatur der wichtigen deutschen Literaturpreise, man muss sich nur die Leipziger Liste anschauen, die Marion Poschmann in der Belletristik als einzige Lady anführt, und darunter dann die Herren, im Sachbuch geschlossene Fünferreihe, die man sich soundmäßig als gebrummtes tiefes C vorstellen kann. Tatsächlich zeigt sich im Lyrischen, das sich in Leipzig in die Belletristik vordrängelt, wie die alten Kategorien der Literatur undicht werden, nach der die Genres nicht nur bei den großen Preisen in Kästchen sauber verpackt sind. Der gewichtige deutsche Roman! Das harte Sachbuch! Die schwierige Übersetzung! Alles so old school.

Das Lyrische war immer dem Oralen nah, dem Atem, dem Gehauchten, Gebrüllten und Gesungenen, also dem Sound, wobei man also bei der Performance ist, daran erinnert uns gerade aufs Schönste das Dada-Gedenkjahr. Der amerikanische Verlag New Directions hat in einem Folianten die Briefgedichte von Emily Dickinson gedruckt, kleinstgekritzelte Zeichen auf winzigen Umschlägen, Titel The Gorgeous Nothing, das herrlichste Nichts als flirrende Buchstaben –, nun ja: eben als – Kunst. Aus dem Angelsächsischen kommt etwa ein Buch wie Blitz & Donner, in dem Lauren Redniss das Thema Wetter brillant durchargumentiert und in großartigen Tableaus malt, ein Werk, das mit "Sachbuch" nur sehr holprig beschrieben wäre. Die tänzelnde Grenzüberschreitung ist das Wesen der Wortkunst, in einem multimedialen internationalen Kosmos erhält das noch mehr Drive. Twitter kann eben auch Lyrik sein oder sich in kürzesten Sentenzen zum Roman formieren, einer Gattung, die ihre Renaissance als Graphic Novel erlebt. Die Literaturpreise werden sich von diesem Spin befeuern lassen müssen, um da zu sein, wo etwas passiert. Anders gesagt: Lyrik, dieses herrliche Nichts, das ist nur der Anfang!