Liebe Julia,

Du bist meine kleine Schwester, aber so viel größer als ich. Du bist so erwachsen und dabei doch jünger – zweieinhalb Jahre liegen zwischen uns. Manchmal frage ich mich, ob Du nicht eigentlich die Ältere bist. Wir sind wahnsinnig unterschiedlich, äußerlich wie innerlich. Die Leute halten uns nie für Schwestern: Dein blondes Haar und mein braunes, Dein Stilgefühl und meine ausgelatschten Turnschuhe, Deine positive Art und mein Zweifeln.

Du wusstest immer, was Du willst und was nicht. Die ersten Lebensjahre wolltest Du nicht sprechen, also habe ich für unsere Eltern übersetzt. Während Du später Dein Taschengeld für Air Max und Konzertkarten von Usher ausgabst, schwallte ich mit alternativen Pseudointellektuellen im Café. Als Du dein erstes Mal erlebt hast, krochst Du danach in mein Bett und erzähltest mir davon. Ich tat cool, dabei sollte es noch ein Jahr dauern, bis ich selber Sex haben würde.

Du hast Dich durch die Schule gequält, während ich die guten Noten nach Hause brachte, und Du wusstest immer, Du willst nicht auf die Uni wie ich. Nach dem Abitur hast Du eine Ausbildung gemacht; ich studierte irgendwas mit Sprache und Medien, war auf der Suche nach dem, was zu mir passen könnte. Heute bist Du Chefin von 35 Mitarbeitern und schreibst jedem eine persönliche Weihnachtskarte, während ich mich frage, ob ich überhaupt jemals fest angestellt sein werde. Ich bewundere Deine Stärke, Dein Gespür für das, was richtig für Dich ist.

Auch in der Liebe. Ich bin jetzt 30 und Du 27. Du hast schon dreimal so viele und viermal so lange Beziehungen geführt wie ich. Jetzt wohnst Du mit Deinem Freund zusammen, Ihr reist um die Welt, wisst, wie Ihr Eure Kinder nennen werdet. Du sagst, ich würde eine hervorragende Tante werden. Was macht Dich nur so sicher? Ich wäre gern mehr so wie Du.

Am meisten liebe ich Dich dafür, dass Du mich Deine Überlegenheit in vielen Dingen nicht spüren lässt, auch wenn Du es tun könntest. Wenn wir uns streiten, wirfst Du mir nie vor, ich hätte keine Ahnung. Stattdessen erzählst Du mir von Deinen Zweifeln. Und Du schätzt meinen Rat, auch wenn ich selbst oft nicht hinkriege, was ich Dir rate. Du bist meine kleine, große Schwester, das macht mich stolz.

Deine Sarah

Sarah Levy, 30, ist Journalistin. Sie lebt in Hamburg