DIE ZEIT: Frau Streep, Sie sind dafür bekannt, dass Sie sich intensiv auf Ihre Rollen vorbereiten. Könnte eine Ihrer folgenden Rollen Vorbild für Ihre Jurypräsidentschaft sein (und wenn nicht, warum nicht)?

a) Die herrische Margaret Thatcher, die in Die eiserne Lady ihr Kabinett beschimpft.

b) Die eiskalte und hinterhältige Chefredakteurin Miranda Priestly aus Der Teufel trägt Prada.

c) Die lebenslustige Donna Sheridan aus Mamma Mia!.

Meryl Streep: Weder die Film-Thatcher noch die völlig fiktive Miranda Priestly waren Expertinnen für die chaotische, zersplitterte, agendagetriebene und komplett subjektive Welt der Kunstkritik. Ich denke, dass ich am ehesten Ms. Sheridan aus Mamma Mia! als Vorbild wählen würde, und zwar wegen ihrer Freude am Feiern und ihrer Fähigkeit, das Geschenk des Lebens im Hier und Jetzt zu würdigen und es als Privileg schätzen zu können. Ich beabsichtige (und das meine ich todernst), Spaß zu haben und die anderen Jurymitglieder ebenfalls dazu zu ermuntern.

ZEIT: Aber Sie haben den Job der Jurypräsidentin als ziemlich einschüchternd bezeichnet, da Sie nie zuvor über irgendetwas den Vorsitz hatten. Wo wären Sie noch gerne Präsidentin? Und was würden Sie gerne verändern?

Streep: Ich habe in meinem Leben nie die Präsidentschaft von irgendetwas angestrebt, und ich denke auch nicht, dass die bevorstehende Erfahrung daran etwas ändern wird. Ich bin von allem eingeschüchtert, was nach einem geregelten Verfahren aussieht. Robert’s Rules of Order, das 1876 in Amerika erschienene Standardwerk über die ordnungsgemäße Durchführung von Versammlungen, verstehe ich nicht; und ich weiß auch nicht, ob es ein deutsches Pendant dazu gibt. Jedoch bin ich vierfache Mutter und weiß also, wie man Streit schlichtet, in schwierigen Situationen ablenkt und die Wogen glättet sowie kleine Vereinbarungen aushandelt, die wichtige lebenslange Auswirkungen haben können ... Und ich bin ziemlich sicher, dass ein Sinn für Humor bei Sitzungen nötig ist, kombiniert mit einer strengen Beschränkung der Sprechzeiten.

ZEIT: Darren Aronofsky, Ihr Vorgänger als Jurypräsident der Berlinale, sagte: "Es ist ziemlich absurd, Filme zu beurteilen und zu vergleichen, aber es hilft beim Generieren von Aufmerksamkeit." Wie sehen Sie den Job?

Streep: Ich denke, es ist absurd, zu glauben, dass irgendjemand Filme nicht beurteilt und vergleicht, denn das machen Menschen nun einmal; jeder Kinogänger hat eine Meinung über das, was er gesehen hat. Meine Beschreibung des Jobs wäre, dass wir das Vorhandensein unserer Vorurteile anerkennen und versuchen, Geschichten zu finden, die uns über diese Vorurteile hinausführen. Mit anderen Worten: zu entdecken, zu lernen und die Filme möglichst von einem Standpunkt aus zu betrachten, der nicht unser gewohnter, nur in unserem eigenen Schädel existierender ist.

ZEIT: Festivals wie die Berlinale werden immer wieder dafür kritisiert, dass sie nicht genug Filme von Regisseurinnen zeigen. Aber es gibt nun einmal weniger weibliche als männliche Regisseure.

Streep: Tatsache ist, dass es – zumindest in den Vereinigten Staaten – ebenso viele weibliche Absolventen von Filmschulen und Preisträgerinnen von Debütfestivals mit Erfindungsgabe und dem Ehrgeiz gibt, interessante Geschichten in die Welt zu bringen. Dass die Arbeit jener Frauen dann nicht weiter beachtet wird, ist der Fehler der Rekrutierer, der Studios, Kritiker, Blogger, Filmexperten und -agenten, die dafür verantwortlich sind, Karrieren zu fördern. Diese Leute sind vorrangig Männer und grundsätzlich nicht an Geschichten interessiert, die nicht von ihnen selbst handeln. Kathryn Bigelow wird so lange gute Chancen haben, wie sie Filme über das (hauptsächlich männliche) Militär oder andere Themen, die (vorrangig) Männer interessieren, dreht. Das weibliche Publikum wird von der Industrie als nebensächlich abgetan.