Erstaunlich, die Sushi hier: Sie kosten mehr, wenn man sie nicht isst. Ein Schild auf den Tischen des Mr. Cherng erinnert den Gast daran, dass man sich zwar nach Belieben am Buffet eindecken darf. Bleibt aber etwas auf dem Teller liegen, wird es mit 50 Cent pro Stück berechnet. Auf verquere Weise ergibt das Sinn. Einem Schlauberger könnte ja einfallen, nur den teuren Fisch von den Röllchen zu futtern. Mit solchen Gästen muss man rechnen, wenn man all you can eat anbietet.

Noch leichter zu erklären ist, was Sushi überhaupt zu suchen haben in einem Lokal, das "die vielseitige Küche der Mongolei" bewirbt. Es gibt sie aus den gleichen Gründen wie Spaghetti beim Griechen: weil die Gäste sie nun einmal mögen und jeder sie hinbekommt, wenn die Feinheiten nicht interessieren.

Damit zu einer schwierigen Frage: Warum gibt es in Hamburg gleich vier mongolische Restaurants? So groß dieses Land auch sein mag, es gibt weltweit kaum doppelt so viele Mongolen wie Hamburger. Und was den Ruf der Küche angeht: Viel fällt einem da nicht ein außer Feuertopf und gesalzenem Tee. Aber womöglich geht es gerade um diesen leeren Raum, den jeder mit seinen abenteuerlichen Vorstellungen füllt.

De facto gibt es beim Mongolen meist eine fleischlastige Pan-Asia-Küche ohne Tüdelei.

So auch bei Mr. Cherng, der praktischerweise keinen Steppenritt entfernt, sondern gleich im Erdgeschoss des Helmut-Schmidt-Hauses angesiedelt ist. Das Ambiente ist authentisch für ein zentralasiatisches Restaurant: unbehaglich groß, spärlich eingerichtet, aber sauber und effizient organisiert.

Das braucht es auch, denn der Laden läuft. Hungrige Hamburger treffen auf Touristen, die beim Essen wieder einsparen wollen, was sie in den Boutiquen der Altstadt gelassen haben. Asiaten sieht man nur im Service. So weit erkennbar, sind es durchweg Chinesen. Flinke junge Männer, die auf sehr abendländische Art Nähe zum Gast herstellen, mal mit einem Griff auf die Schulter, mal mit Humor ("Scharf? Unser Sambal Oelek? Das schmeckt wie Marmelade").

Über das Essen kann man nicht meckern. Das wäre, als wollte man Plastikblumen vorwerfen, dass sie nicht duften. Und Mr. Cherng hat für moderate 16,90 Euro einen erschreckend bunten Strauß gebunden: Von Kimchi bis Känguru, von Tintenfisch bis Götterspeise bleibt nichts ausgespart. Das rohe Fleisch schaufelt man auf seinen Teller und steckt eine Wäscheklammer daneben. Minuten später kommt es gegrillt und besoßt zurück.

Nur eins sucht man vergebens: mongolische Gerichte. Dazu kann man Helmut Schmidt konsultieren, den Hausherrn im weitesten Sinne: "Mongolen und Mandschuren", schrieb er mal, "haben ihr Regiment den chinesischen Traditionen angepasst und untergeordnet."

Der Kellner drückt dasselbe etwas handfester aus: "Die hatten mal Dschingis Khan, aber die haben keine Küche. Das ist ein Heldenvolk." Kein Kompliment, wie sich erweist. Er meinte: Herdenvolk.

Mr. Cherng, Speersort 1, Altstadt. Geöffnet Montag–Freitag, 11.30–15 Uhr und 17.30–23 Uhr, samstags von 12–23 Uhr, sonntags von 16–23 Uhr. All you can eat mittags für 9,90 €, abends für 16,90 €