* 15. 8. 1955 - † 7. 2. 2016

Im Nachhinein könnte man sagen: Er hat es immer so eilig gehabt. Er ist durch sein Leben gerannt, atemlos, begeistert, süchtig nach Erfahrung, Fremde, Menschen, Bildern, Tönen, Worten. Und Büchern. Immer habe ich in ihm vor allem einen gesehen, der ein Buch schreiben wollte. Und dem kein Weg dahin zu beschwerlich war, führte er auch quer durch Afghanistan oder Tonga, zu indischen Eunuchen und indonesischen Blutegelforschern. Sein ganzes Leben und beinahe jeder Tag dieses Lebens, jeder Augenblick war ein riesiges Delta, das einmündete in einen Text. Neunzehn Länder in vier Wochen, das war in etwa sein Maßstab – für einen einzigen Artikel.

Das Tempo war unfassbar. Und so tragisch dieser viel zu frühe Tod jetzt ist, das Tempo war genau richtig: Er hat in dieser viel zu kurzen Zeit, die sein Leben war, mindestens sieben Leben gelebt. Er war überall gleichzeitig. 2.000 Interviews, 36 Bücher, Hunderte von Fernsehsendungen, Rundfunkarbeiten, unzählige Hörbücher, Zeitungsartikel, Drehbücher, Regiearbeiten, Lehraufträge, Reden, Reisen. Alles im Übermaß. Woher er den unerschöpflichen Brennstoff für all das bezog, werden wir jetzt nie mehr erfahren. Schon als Kind wünschte er sich "raus in die Welt und raus aus der Welt". Er war getrieben von einem Hunger nach Leben und einer Lust, aus dem Leben zu verschwinden. Er wollte im Mittelpunkt stehen und ans Ende der Welt abhauen. Das unergründlich Gehetzte seiner Auftritte mag damit zusammenhängen, dass er alles gleichzeitig sein wollte. Eine Mischung aus Robert De Niro und Robert Walser. Was eigentlich unmöglich ist, obwohl er es in seinen besten Momenten geschafft hat.

In den Zentralbezirken seines Herzens war er meiner Meinung nach vor allem: Schriftsteller. Wenn auch ein verhinderter. Nachdem er seine akademische Karriere hingeschmissen hatte, schrieb er jahrelang an einem Roman, aus dem nichts wurde. Der einzige Roman, den er schließlich veröffentlicht hat, eine 420-seitige Etüde über die Entstehung eines Romans mit dem Titel Figuren der Willkür, hielt er selber für unlesbar. Seine späten halbliterarischen Bücher sind seine eigentliche Hinterlassenschaft. Das persönlichste heißt Der Knacks und erzählt von den Brüchen, Erstickungsgefühlen und Niederlagen, die man Biografie nennt. Der frühe Krebstod seines Vaters, eines Bonner Kunsthistorikers, hat ihn angesteckt mit einer fiebrigen Leidenschaft für das Zerbrechliche und Verschwindende. Eigene Krankenhauserfahrungen hatten ihn schon als Kind mit der Einsamkeit bekannt gemacht, in der man für gewöhnlich sein Leben verbringt, ganz gleich, ob es einem passt oder nicht. Ihm passte es. Einsamkeit, sagte er einmal, sei der Aggregatzustand, mit dem er sich am tiefsten befreundet habe. Sein verrücktestes Buch Momentum sammelt große und kleine Augenblicke des Daseins. Über 300 Seiten unsortierter Lebensrohstoff direkt aus dem Notizbuch: heftig, sinnlos, wunderbar, unzusammenhängend, ohne Happy End. So ungefähr, meinte er, müsste sich das Leben im Rücklauf auf dem Sterbebett anfühlen.

Die Perspektive des Todeskandidaten auf das Leben faszinierte ihn genauso wie Gespräche mit Sterbenden – nicht nur weil er seine Habilitation über den "Selbstmord in der Literatur" nie vollendet hat. Er bezog daraus die Dringlichkeit, die ihn vor blödsinnigem Fernsehkarrierismus und tausend anderen Eitelkeitsfallen der Egomanie schützte. Seine stets tadellose Aufmachung in der Uniform des englischen Landedelmannes steht zu diesem Befund in keinem Widerspruch, diente sie doch eher dazu, sich vor der Welt zu verbergen, statt sich ihr anzupreisen. Seine größten Glücksmomente, sagte er einmal, waren nie seine Erfolge, sondern die Augenblicke, in denen er aufgegeben und etwas beendet hat.

In seinem Buch Die Enden der Welt erzählt er von seinen Reisen in innere und äußere Todeszonen, in menschenleere Gebiete, in Eiswüsten und in unzugängliche Gebirgsregionen, zu Sterbenden und Toten – ein vielfliegender Metaphysiker auf der Suche nach Worten, nach Bildern für das, was hinter dem Vorhang noch kommen kann, wenn alle Erzählzusammenhänge zerrissen sind. "Das Nicht-Integrierbare ist das Wunderbare", schrieb er. Und meinte das ernst. Im dauerironischen Zeitalter ist er nie angekommen. Er war einer der Letzten, die sich solche stark nach Adorno und Autorenbuchhandlung duftenden Sätze, ohne zu erröten, einfach zutrauten.

Was ihn dennoch in die Arme der Massenmedien trieb, war sein unbeschreiblich moussierendes Redetalent. Er sei ja nicht sexy, befand er ein wenig kokett. Das Einzige, was er wirklich könne, sei, Frauen besinnungslos zu quatschen. Mit seinen Interviews, erst beim Magazin 0137 im Hamburger Pay-TV-Sender Premiere, dann bei Willemsens Woche im ZDF, hat er Fernsehgeschichte geschrieben. Madonna fragte er: Was machen Sie denn, wenn Sie den Eindruck gewinnen, dass Sie überhaupt keinen Eindruck auf die Leute machen? Arafat fragte er: Würden Sie mir Ihre Waffe zeigen? Helmut Markwort vom Focus trieb er mit seinen Fragen zur Blattpolitik durch die Manege. Er war vorbereitet bis zum Perfektionismus und wollte sich nicht wohlfühlen mit seinen Gesprächspartnern, sondern Grenzen abtasten auf der Suche nach einem uninszenierten Moment gesteigerter Wahrhaftigkeit. Es war eine unbeschreibliche Lust, ihm dabei zuzuhören. Er selbst, hat er im Nachhinein gesagt, fühlte sich dabei manchmal verloren, weil in Gesprächen das Unausgesprochene, an das man nicht herankommt, immer größer und interessanter bleibt als das Ausgesprochene. Egal, wie schnell man redet.

Natürlich war er ein Fernseh-Wunder – der einzige Feuilletonist in der Primetime. Abgesehen von Reich-Ranicki, den er bewunderte, aber nicht nachahmte. Am Ende, nachdem er vor der Kamera eigentlich alles erreicht hatte, was ein öffentlicher Intellektueller erreichen kann, war ihm der Preis dafür zu hoch. Er beendete, was er später seine "Medienpubertät" nannte, und begann ein Wandertheaterleben. Für jedes seiner Bücher entwickelte er ein eigenes Bühnenprogramm, war Autor, Regisseur, Produktionsfirma und Schauspieler seines Lebenswerks und blieb für den Rest seiner Tage der brillante Einzelgänger, der er am liebsten und von Anfang an war: ein Autonomer und Selbstversorger auf der Sonnenseite der Kreativindustrie.

Altmodisch war er in seinem engagierten Moralismus nach Art der Pariser Existenzialisten: Er reiste nach Afghanistan und beklagte nach seiner Rückkehr den Unsinn des Krieges. Er interviewte ehemalige Häftlinge aus Guantánamo und beobachtete ein ganzes Jahr lang das Treibhaus des Berliner Bundestages. Die große Politik ermüdete ihn, er glaubte an die Nahaufnahme. Es gibt unzählige Fotos, auf denen er sich an seinem kleinen schwarzen Notizbuch festhält. Und ja, er war auch Schirmherr des afghanischen Frauenvereins. Mehr geht wirklich nicht. Die Phrase vom erfüllten Leben muss extra für ihn erfunden worden sein.

Nur den Roman, zu dem er eigentlich unterwegs war, wird es jetzt nicht mehr geben.