"Nazis zählen reicht nicht" – Seite 1

DIE ZEIT: Das Auswärtige Amt machte 2006 den Anfang. Seither untersuchen Historikerkommissionen eine Bundesbehörde nach der anderen. Erstaunlich: Wir Deutschen, die wir unsere Vergangenheit angeblich so wunderbar aufgearbeitet haben, wissen noch immer nicht recht, was die wichtigsten Staatsinstitutionen in der NS-Zeit getan haben und wie ihre Nachfolger damit umgingen?

Martin Sabrow: Ausgerechnet Otto Schily erklärte noch 2005 als Innenminister, dass Bundesministerien grundsätzlich "keine nationalsozialistische Vergangenheit" hätten, die der "Aufarbeitung" bedürften. Das Gegenteil ist der Fall. Erkenntnisbedarf besteht vor allem bei der Frage nach den personellen Kontinuitäten. Die war lange Zeit tabu. Konrad Adenauer sprach verächtlich von "Nazi-Riecherei".

ZEIT: Seit zehn Jahren nun dreht sich alles um Personalakten. Mehr als 100 Zeithistoriker waren und sind in bisher 16 Kommissionen und Forschungsprojekten tätig. Jetzt hat die Bundesregierung eine Bestandsaufnahme angefordert. Sie sind einer der Herausgeber. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Sabrow: Verblüfft hat uns, dass Einrichtungen, bei denen man eine besondere Nähe zum Nationalsozialismus vermuten kann, wie etwa der Verfassungsschutz, personell eher gering belastet waren.

ZEIT: Wo war der Anteil hoch?

Sabrow: Im Bundesinnenministerium etwa, im Bundesjustizministerium – und im Auswärtigen Amt. In diesen Ministerien lag der Belastungsgrad bei 60 Prozent und höher. Aber wir müssen genau hinsehen, wo diese Leute nach 1945 saßen. In manchen Institutionen finden sich besonders in den höheren Positionen ehemalige Nazis, so im Auswärtigen Amt oder im Bundesverkehrsministerium, während sich die NS-Belastung im BND bemerkenswerterweise stärker auf die unteren Ränge erstreckt. Entsprechend unterschieden sich die Karriereaussichten: Im Bundesjustizministerium konnten frühere Parteimitglieder problemlos aufsteigen, im Verfassungsschutz hingegen nicht.

ZEIT: Wie erklärt sich das?

Sabrow: Wo personelle Kontinuität unterbunden wurde, war fast immer alliierte Kontrolle dafür verantwortlich. Allerdings legten auch die Amerikaner unterschiedliche Maßstäbe an. Während sie beim Verfassungsschutz darauf achteten, dass der Dienst nicht zu einer Nazi-Enklave wurde, nahmen sie in derselben Zeit hin, dass sich Reinhard Gehlen in seiner CIA-gesteuerten "Organisation Gehlen" und später als Chef des BND um die NS-Vergangenheit seiner Mitarbeiter keinen Deut scherte.

ZEIT: Gibt es gar keine einheitlichen Muster?

Sabrow: Doch. Eines ist fast allen bisher untersuchten Behörden gemein: Im Lauf der fünfziger Jahre stieg der Anteil ehemaliger Nazis in ihnen steil an.

ZEIT: Aus welchem Grund?

Sabrow: 1951 verabschiedete der Bundestag einstimmig eine Neuregelung des Artikels 131 im Grundgesetz. Fortan konnten öffentliche Bedienstete, sofern sie im Zuge der Entnazifizierung nicht als Hauptschuldige oder Belastete eingestuft worden waren, in den öffentlichen Dienst zurückkehren. Das diente deren rascher Integration in die Nachkriegsgesellschaft. Sicherlich stärkte das den sozialen Frieden; die gesellschaftliche Selbstbefragung stärkte es nicht und die Empathie gegenüber den Verfolgten des Nazi-Regimes schon gar nicht. Was das 131er-Gesetz bedeutete, hat mein Kollege Hans-Ulrich Thamer einmal für die nordrhein-westfälische Justiz nachgerechnet: Die NS-Belastung war dort 1958 höher als 1938.

ZEIT: Es heißt ja immer, man habe nach 1945 außer den ehemaligen Nazis niemanden mit der nötigen Fachkenntnis gehabt. Stimmt das? Oder ist das bloß eine Schutzbehauptung?

Sabrow: Dass Elitenwechsel Expertenwissen kosten, lehrt der Vergleich mit der Sowjetischen Besatzungszone. Dort wurden über die Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten neue Eliten rekrutiert – um den Preis der Entprofessionalierung. NS-belastete Funktionseliten gab es auch in der DDR. Ehemalige Nazis waren allerdings erpressbar und spielten umso gefügiger mit im antifaschistischen Konzert. Die SED leistete ihren eigenen Integrationsbeitrag, indem sie, im Einklang mit der Sowjetischen Militäradministration, die Entnazifizierung 1948 für beendet erklärte und sich zum "großen Freund der kleinen Nazis" machte.

ZEIT: Große Nazis, kleine Nazis, NS-Belastete: Haben die Kommissionen eigentlich klar definiert, was darunter zu verstehen ist?

Sabrow: Es geht zunächst um die nominelle Parteimitgliedschaft. Aber keine Kommission bleibt dabei stehen. Man konnte schließlich auch Nazi sein, ohne in die Partei einzutreten. Umgekehrt gab es zig verschiedene Gründe, Mitglied zu werden: glühende Begeisterung ebenso wie schierer Opportunismus und auch politischer Druck. Nur Nazis zu zählen reicht eben nicht. Es ist eine Kernaufgabe der Behördenaufarbeitung, den Begriff der NS-Belastung inhaltlich zu füllen. Was haben die Leute vor 1945 getan? Und wie haben sie sich in ihrer neuen Position verhalten?

ZEIT: Im Fall der Justiz liegt das klar zutage. Ehemalige Nazi-Richter haben keinen Eifer gezeigt, andere ehemalige Nazis vor Gericht zu zerren. Wie sieht es in anderen Bereichen aus?

Sabrow: Das ist nicht so einfach, wie man denken könnte. Der besonders hohe Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Bundeskriminalamt etwa – rund 75 Prozent! – hatte erstaunlich wenig erkennbare Auswirkungen auf die Arbeit. Auch beim Verfassungsschutz kam die Kommission zu dem Ergebnis, dass sich kein deutlicher Einfluss der NS-belasteten Mitarbeiter nachweisen lässt. Nicht zu übersehen ist natürlich eine Kontinuität im antikommunistischen Verständnis des Staatsschutzes. Nur: Ist die nun nationalsozialistisch? Oder geht sie auf die Zeit davor zurück, auf tradierte Denkhaltungen in der Weimarer Republik, im wilhelminischen Kaiserreich?

ZEIT: Bleibt es nicht so oder so ein Skandal, dass ehemalige NSDAP-Mitglieder nach 1945 einfach weitermachen konnten?

Sabrow: Für uns Heutige ist die von Hermann Lübbe so genannte "gewisse Stille der Nachkriegszeit" inakzeptabel. Ebenso Hans Filbingers Satz, dass heute nicht Unrecht sein kann, was damals Recht war. Dass der Opferbegriff der Nachkriegszeit die deutschen Opfer meinte und nicht die Opfer der Deutschen, macht uns fassungslos, und als deutscher Hochschullehrer erfüllt es mich mit Scham, dass die Universitäten nicht fähig oder willens waren, gegenüber ihren ins Exil getriebenen Kollegen eine Willkommenskultur zu entwickeln. Umso wichtiger ist aus heutiger Perspektive die umgekehrte Frage: Wie konnte sich die so belastete Nachkriegsgesellschaft trotzdem zu jenem offenen Gemeinwesen entwickeln, das die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu einem Teil seiner Identität gemacht hat und darauf maßgeblich auch sein politisches Handeln gründet?

"Das Kanzleramt sollte auf jeden Fall noch durchleuchtet werden"

ZEIT: Der Wirbel um die Studie zum Auswärtigen Amt hat 2010 gezeigt, dass manche Tabus bis heute fortwirken. Viele Ehemalige wollten den alten Mythos retten, das Amt sei ein Hort des Widerstands gewesen. Gab es auch noch andere Behörden, in denen solcher Aufruhr herrschte, etwa im Bundesarchiv, das Sie erforschen?

Sabrow: Nein, im Bundesarchiv ist von Verschlossenheit und Abwehr nichts zu spüren. Anderswo schon. Schwierigkeiten gab es im ersten Anlauf mit dem BND. Ein weiterer Fall ist das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. 2006 und 2007 entstanden zwar erste Studien. Veröffentlicht wurde aber bis 2011 gar nichts. Ein Teil der Ergebnisse ist nach wie vor unter Verschluss. Am 30. September 2015 hat das Ministerium nun überraschend die Einsetzung einer Historikerkommission angekündigt. Wir dürfen gespannt sein.

ZEIT: Kann es denn, wenn der "Erforschte" selbst die Rechnung bezahlt, überhaupt eine unabhängige Forschung geben?

Sabrow: Ja. Die bisherigen Kommissionen haben es vorgemacht. Beide Seiten – die Behörden und die Forschung – wissen, dass sie sonst verlieren würden.

ZEIT: Könnte sich die Forschung nicht gänzlich unabhängig machen von den Institutionen?

Sabrow: Natürlich kann sie es und tut das auch. Die behördengestützte Aufarbeitung kann allerdings Gelder mobilisieren, die wir fachintern nicht zur Verfügung hätten.

ZEIT: Mehr als zehn Millionen Euro, rechnet man den Etat der bisherigen Projekte zusammen.

Sabrow: Diese Ressource nicht zu nutzen wäre ein Bärendienst an der Wissenschaft. Umso stärker gilt es auf die Untiefen zu achten. Die bestehen nicht in einer Abhängigkeit von den falschen Geldern, sondern von den falschen Fragen.

ZEIT: Den falschen Fragen?

Sabrow: Wissenschaft bedeutet ja im Kern, bestehende Gewissheiten infrage zu stellen. Auftragsforschung kann das nur sehr eingeschränkt leisten. Sie ist in ihren Methoden meist konventionell und trampelt begangene Forschungspfade aus.

ZEIT: Ist das so schlimm? Muss man nicht erst mal die Erbsen zählen, bevor man originelle Fragen stellt?

Sabrow: Das stimmt. Richtig ist aber auch, dass die Fakten und die Wissenslücken nicht einfach da sind. Sie werden erst sichtbar in unserem Fragehorizont. Und da entgeht uns einiges, wenn wir uns damit begnügen, eine Behörde nach der anderen mit dem immergleichen Frageraster abzuklappern.

ZEIT: Was zum Beispiel?

Sabrow: Wir gehen oft vorschnell von den heute bestehenden Behörden aus. Nicht alle NS-Ministerien aber haben institutionelle Nachfolger gefunden. Und was ist mit bundesrepublikanischen Ministerien, die es nicht mehr gibt, wie das Vertriebenenministerium, und was vor allem mit den DDR-Ministerien, die sämtlich Geschichte sind? Und ist es überhaupt angemessen, dass wir uns auf staatliche Behörden konzentrieren? Wie wird die Behördenforschung mit der charakteristischen Dopplung von Partei- und Staatsapparat im "Dritten Reich" fertig? Und wie mit dem Primat der Partei im SED-Staat? Ich vermute, dass auch die Behördenforschung neue Wege gehen und sich von einem verengten Aufarbeitungsgedanken lösen wird.

ZEIT: Wie könnte das aussehen?

Sabrow: Für sinnvoll halte ich den Wechsel auf die Landes- beziehungsweise Bezirksebene, wie dies für Bayern das Institut für Zeitgeschichte jetzt tun wird. Auch die kommunale Ebene lohnt eine vergleichende Perspektive. Auf Sylt und im Schleswig-Holsteinischen Landtag konnte sich ein Bürgermeister Reinefarth bis in die sechziger Jahre halten, der zuvor höherer SS- und Polizeiführer war – ein regionaler Sonderfall?

ZEIT: Welche Bundesinstitutionen sollten auf jeden Fall noch durchleuchtet werden?

Sabrow: Zuallererst das Kanzleramt. Dazu gibt es noch keine Kommission, und die Personalpolitik dort ist weitgehend unerforscht.

ZEIT: Weil durch den Fall Globke der Eindruck entstand: Das Thema ist erledigt?

Sabrow: Und weil das Bundeskanzleramt eine sehr sensible Einrichtung auch im diplomatischen und außenpolitischen Verkehr ist. Über das zivile Personal des Verteidigungsministeriums, das eine eigene und hervorragende Forschungseinrichtung besitzt, ist ebenfalls wenig bekannt. Die Bundesbank wurde noch nicht untersucht. Dasselbe gilt für die Legislative einschließlich der Parteien, aber auch für die Judikative, besonders den Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht.

ZEIT: Was passiert mit den Akten, nachdem die Kommissionen sie einsehen durften?

Sabrow: Soweit mir bekannt, haben alle bisherigen Kommissionen darauf gedrungen und auch vertraglich fixiert, dass die von ihnen verwendeten Akten anschließend frei zugänglich sind. Transparenz und Überprüfbarkeit sind Voraussetzungen wissenschaftlichen Arbeitens, auch wenn die Akten von BND und Verfassungsschutz natürlich sensibles Material enthalten, für das es Sonderregeln geben wird.

ZEIT: Haben in den vergangenen zehn Jahren denn schon betroffene Personen oder Angehörige gegen die Freigabe von Akten geklagt?

Sabrow: Nur im Einzelfall. Es gibt guten Grund, optimistisch zu sein, dass der Geschichtswissenschaft das Aktenmaterial für weitere Forschungen erhalten bleibt.